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Neuss: Am Ende ein Außenseiter

Neuss : Am Ende ein Außenseiter

Brutale Schläge beendeten auf dem TÜV-Gelände das Leben des 59-jährigen Duy-Doan, einem Obdachlosen vietnamesischer Herkunft. Geboren wurde er als Sohn einer wohlhabenden Familie, die ihn zum Studium nach Deutschland schickte. Krankheit gab diesem Leben eine jähe Wendung.

Duy-Doan P. (59) ist tot, seine Asche in Neuss beigesetzt. Öffentlich wird sein Name noch einmal fallen, wenn der Prozess gegen seine Mörder beginnt – zwei Obdachlose, wie er zuletzt auch einer war. Im Gerichtssaal will dann auch seine 17-jährige Tochter sitzen. Sie will sehen, was das für Menschen sind, die ihren Vater in der Nacht vom 26. auf den 27. März auf dem TÜV-Gelände wegen ein paar Geldmünzen brutal erschlagen haben sollen. Denn einer der beiden Tatverdächtigen, der 18-jährige Denis E., ist kaum älter als sie.

Wenn sie mit ihren Freundinnen unterwegs war und in der Stadt den getrennt lebenden Vater sah, war das der jungen Frau schon peinlich. Sie war dankbar, dass er das ahnte und sie nie ansprach. Auch heute noch will sie, dass niemand einen Zusammenhang herstellt zwischen ihr und dem "alten Penner", wie ihre Freunde den Obdachlosen nannten. Die Nachricht von seinem Tod nahm sie fast mit Erleichterung auf – der Abstieg des Vaters schien unumkehrbar. Die Erschütterung stellte sich erst ein, als der Familie die Umstände des Todes bekannt wurden: Die Täter hatten auf den Kopf und Oberkörper des Mannes eingeschlagen, "bis sie sicher waren", so die Polizei, "dass der Tod eingetreten ist".

Polizei und Sozialeinrichtungen zeichneten kein freundliches Bild von dem Erschlagenen: obdachlos, psychisch auffällig, sozial isoliert, wegen Diebstählen mehrfach aus dem Männerwohnheim Derendorfweg verwiesen, und, so die Polizei, offensichtlich ein Mann mit "erheblichen Alkoholproblemen." Sein trauriges Ende – zwangsläufige Folge aus alledem? Sein Tod – zynisch gesagt – kein Verlust?

Schaut man auf den Anfang der Geschichte, tut sich eine andere Tragödie auf. Duy-Doan P. wurde am 1. August 1951 im nordvietnamesischen Hai Duong in eine privilegierte Familie hineingeboren. Sein Vater hatte im Indochinakrieg gegen die französische Kolonialmacht, der bis 1954 tobte, eine führende Position inne und es zu einem Vermögen gebracht. Er starb früh, sein Sohn sah ihn nie.

Duy-Doan P. wuchs trotzdem privilegiert auf, hatte mit dem Krieg im eigenen Land, der erst 1975 mit der Kapitulation Südvietnams zu Ende ging, nichts zu tun, musste nicht zum Militär. Duy-Doan P. war ein guter Schüler, machte 1970 Abitur und kam im Dezember des gleichen Jahres zum Studium nach Deutschland. Seine Mutter, inzwischen zum zweiten Mal verheiratet, förderte diese Ambitionen. So, wie sie die drei Stiefgeschwister ihres Erstgeborenen später in die USA auswandern ließ. 1970 stand Duy-Doan P., der später die deutsche Staatsangehörigkeit erwarb, noch auf der Sonnenseite des Lebens.

In seine Jugend in Vietnam fällt auch ein Unfall, von dem seine Tochter erst seit einigen Monaten weiß. Zwölf soll ihr Vater gewesen sein. Eine Hirnschädigung war die Folge, die sich im sogenannten Frontallappensydrom ausdrückte und in Schüben immer weiter verschlimmerte. Duy-Doan P. war krank und seine psychischen Probleme, sein gestörtes Sozialverhalten, wohl nicht Konsequenz seiner angeblich offensichtlichen Alkoholprobleme. Auch der Arzt, der ihn wie alle anderen Obdachlosen betreute, hält den 59-Jährigen zwar in medizinischem Sinne für einen Alkoholiker, schließt aber aus, dass er sich "dumm gesoffen hat".

Am Ende seines Lebens war Duy-Doan ein Außenseiter. Einer, dessen Distanzlosigkeit anderen unangenehm war. Einer, dessen Emphatieverlust und Antriebslosigkeit ihn von seiner Familie entfremdete. Einer, dessen gestörtes Sozialverhalten ihn kaum in eine Wohnung vermittelbar machte. Einer, an dem sich zum Beispiel der 18-jährige Denis E. "austoben" und den er bestehlen konnte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Schon mehrfach, so die Polizei, hatte E. – wie der Mittatverdächtige Sven K. (37) ein einschlägig bekannt gewordenen Schläger und Dieb – "den Vietnamesen", der seit einigen Monaten eine Rente bezog, verprügelt und um sein Geld gebracht. Zuletzt brachte er ihn nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft deswegen um.

Doch in das Obdachlosenmilieu stürzte der 59-Jährige erst ab, als sich seine Frau im Vorjahr von ihm scheiden ließ. "Sie konnte es nicht mehr ertragen", sagt seine Tochter. Seine schlimmen Essgewohnheiten. Seine Weigerung, auf Ordnung zu achten, sich zu waschen. Seine Sturheit, die nichts von fremder Hilfe wissen wollte. Aber auch nach der Scheidung hielten die Frau, die beiden Söhne und seine Tochter Kontakt mit dem Vater. Dass der verloren gegangen sein soll, wie von der Polizei festgestellt wurde, bestreitet diese. Zweimal in der Woche kam der Vater zu Besuch – oder wenn er im Männerwohnheim Hausverbot hatte. Meist schaute er vorbei, wenn es die anderen Hausbewohner nicht mitbekamen. Denn auch sie konnten mit diesem Sonderling nichts anfangen. Zuletzt kam er am Morgen des Tages, der sein Todestag werden sollte.

Bis zur Scheidung führte Duy-Doan P. ein bürgerliches Leben. Er studierte bis 1975 an der Fachhochschule Krefeld Chemie, sattelte an der Gesamthochschule ein Studium der Hütten- und Gießereitechnik auf, das er im Juni 1980 als Ingenieur abschloss. Zwei Monate später hatte er eine erste Anstellung bei einem Essener Ingenieurbüro. Er überstand nicht einmal die Probezeit. Kurze Anstellungen wechselten mit kurzen Zeiten der Arbeitslosigkeit. "Er wusste nicht, was er machen wollte, wo sein Platz war", erklärt die Tochter diese Unstetigkeit, die doch auch schon Ausdruck seiner Krankheit gewesen sein könnte. Ungebunden wollte ihr Vater sein, sagt die Tochter, hatte mit einem Bürojob nichts am Hut. 1984 fand er einen Job, für den er zu passen schien. Er fuhr Taxi, gerne Strecken ins Ausland. Der gebürtige Vietnamese sprach Englisch und Französisch. Parallel baute er sich eine Familie auf. Seine Frau, die als "Boat-People" aus dem kommunistischen Vietnam geflohen und von der "Cap Anamur" des Deutschen Rupert Neudeck gerettet und nach Deutschland gebracht worden war, lernte er dort kennen. 1986 wurde der erste Sohn geboren, 1990 der zweite, 1994 die Tochter, die den engsten Kontakt zu ihm hatte.

Sie erinnert sich an Radtouren mit dem Vater, lernte von ihm, der Klavier und Gitarre spielen konnte, vietnamesische Lieder, erlebte, dass er vom Billardspielen Pokale nach Hause brachte. Glückliche Momente. "Glück", sagt seine Tochter in der Rückschau, "hat er im Leben nicht oft gehabt. Schade, dass er krank wurde. Sonst wäre er Ingenieur – und auch ich hätte ein besseres Leben gehabt."

(NGZ)