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Neuss: Als Sankt Martin in Rosellen unterwegs

Neuss : Als Sankt Martin in Rosellen unterwegs

Werner Klinder spielt den Bischof von Tours bereits seit 1996. Auch als Sammler für die Martinstüten ist der 47-Jährige unterwegs.

Das, was Werner Klinder nach einem Martinsumzug schon mal in der Manteltasche hat, sind Schnuller. Die sind von den jüngsten Teilnehmern. Und auch, wenn sie den ausgelutschten Schnucki keinesfalls ihren Eltern abgeben würden, denn "ohne geht nicht", geben sie ihn oft ohne langes Zögern dem heiligen Mann mit Mitra, rotem Gewand und weißem Bart.

Werner Klinder liebt solche Momente, wenn er mit großen Augen angeblickt wird, dann ein kurzes Nicken erfolgt, und das Lieblingsstück aus dem Mund gezogen wird. "Doch ich bewahre sie immer auf, falls doch einmal die Tränen allzu heftig fließen", sagt er. Seit 1996 spielt der Maschinenschlosser in seinem Heimatort den St. Martin, reitet gemächlich dem Zug, an dem immerhin fast 1000 Menschen teilnehmen, voran. Er gehört zur Martinsgruppe des Rosellener Heimatvereins, und diese Gruppe besteht zum größten Teil aus "seinem Schützenzug", den "Roten Husaren". "Wir sind zehn Mitglieder, mit unseren Frauen 20, dazu kommen noch fünf weitere. Wir sammeln, holen alle erforderlichen Genehmigungen ein, kaufen das Material für die 300 Tüten, packen sie, verteilen sie nach dem Umzug und organisieren den Glühwein-Umtrunk", erzählt Klinder. Wichtig findet er, dass beim Sammeln immer dieselben Sammler dieselben Straßen abgehen. "Die Leute warten oft auf uns", sagt er. Nicht selten werden sie mit den Worten "was, ist das Jahr schon wieder 'rum?" begrüßt.

Nüsse, die ein Rosellener Bauer spendiert, Spekulatius, Obst, aber auch Schokoriegel und fair gehandelte Schokolade kommen in die Martinstüte – und eine Zahnbürste. "Weil unser Komitee-Chef Hans-Hubert Krieger Zahntechniker ist", erklärt Werner Klinder.

Gewand, Bischofsstab und Mitra holt der Rosellener wenige Tage vor dem Umzug in der Schule ab, denn die Sachen sind Schuleigentum und bereits 52 Jahre alt. Vorher habe immer ein in Schwarz-gekleideter Hans Muff den Zug begleitet. Doch vor dem, weiß Klinder aus Erzählungen, hatten die Kinder schreckliche Angst, so dass der damalige Leiter der Grundschule die Spende einer Rosellener Familie sofort in ein Martinskostüm investierte – und das trägt Werner Klinder heute noch. Einzig den weißen Rauschebart hat er selbst gekauft. "Die Haare, die unter der Mitra noch zu sehen sind, sprüht meine Frau einfach weiß", verrät der zweifache Vater, dessen eigene Kinder, mittlerweile 18 und 20 Jahre alt, früher immer glaubten, der Papa sei arbeiten, wenn er ging, um sich für den Umzug vorzubereiten.

Der Umzug am kommenden Samstag ab 18 Uhr dauert in der Regel eine dreiviertel Stunde. Dann werden auf dem Schulhof von einem Bauwagen die Tüten verteilt, und Kinder, die möchten, können mit dem St. Martin reden oder aber ihren Schnuller abgeben.

(NGZ)