1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Als die Neusser hungerten

Neuss : Als die Neusser hungerten

Der Winter 1946/47 ist als "Hungerwinter" in die Nachkriegsgeschichte eingegangen – es war einer der längsten und kältesten Winter seit Jahrzehnten. Wie viele Todesopfer der Winter in Neuss forderte, ist bis heute unklar.

Nicht gestreute Gehwege, gesperrte Autobahnen, ausgefallene Busse und Bahnen – dies hätte im Winter 1946/47 kaum jemand als "Winterchaos" bezeichnet. Denn in diesem Winter, der als "Hungerwinter" in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist, hatten die Menschen in Neuss nur eines im Sinn: ihr Überleben zu sichern.

Als im März 1945 amerikanische Truppen in Neuss einmarschierten, war die Bevölkerung zunächst erleichtert: Zwölf Jahre Nazi-Herrschaft und sechs Jahre Krieg waren vorbei. Die Fliegerangriffe auf Neuss hatten viele zivile Opfer gefordert, die Industrieanlagen weitgehend zerstört und gut ein Drittel des Wohnraums vernichtet. Rund die Hälfte der 62 000 Einwohner war aus der Stadt geflohen. Doch im Dezember 1945 hielten sich wieder gut 51 000 Menschen in Neuss auf.

Von "wohnen" konnte jedoch keine Rede sein: Die Menschen hausten in halb zerstörten Wohnungen, in Kellern und auf Speichern, und so mancher zurückkehrende Eigentümer fand seine Wohnung auf Anordnung des Wohnungsamtes von "Zugeteilten" belegt.

Schlimmer als die katastrophale Wohnungssituation war die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Brennstoffen. Alle diese Dinge gab es nur "auf Karte". Die Bevölkerung wurde dabei in verschiedene Versorgungsklassen eingeteilt, vom "Normalverbraucher" bis zum Säugling.

Im Laufe des Jahres 1946 verschlechterte sich die Versorgungssituation allerdings rapide. Da die Kartoffelernte ausgefallen war, konnte nur das wenig nahrhafte Weizenbrot ausgeteilt werden, das zumeist noch mit Weizenschrot gestreckt war. Milch, Fleisch und Gemüse waren absolute Mangelware.

Die Schuldigen für die Notlage waren schnell ausgemacht: Die Bauern im Neusser Umland wurden verdächtigt, große Teile ihrer Erzeugnisse zurückzuhalten und an die meistbietenden Hamsterfahrer abzugeben. Deshalb appellierte Oberbürgermeister Alfons Frings im Winter 1946 unter dem Motto "Denkt an unsere Kinder, denn sie sind unsere Zukunft!", an die Landwirte, die Menschen in Neuss endlich mit Milch, Fleisch und Gemüse zu versorgen.

Und dieser Appell war auch dringend notwendig, denn der Winter 1946/47 war einer der längsten und kältesten Winter seit Jahrzehnten. Die unterernährte und frierende Bevölkerung griff zu drastischen Maßnahmen, um ihr Überleben zu sichern: Gegen Kohlenklau, Schwarzmarktschiebereien und Plünderungen von Lagern und Geschäften, ja selbst gegen das Abholzen der letzten Bäume im Stadtgarten waren die Behörden machtlos.

Wie viele Todesopfer der Hungerwinter gefordert hat, ist bis heute nicht bekannt. Jedenfalls waren die Neusser im Frühjahr 1947 am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Am 2. April 1947 versammelten sich rund 10 000 Frauen und Männer auf dem Neusser Markt, um gegen die schlechte Versorgungslage zu demonstrieren und Oberbürgermeister Frings eine Resolution zu übergeben. Diese Aktion ist unter dem Begriff "Hungerdemonstration" in die Neusser Geschichte eingegangen.

(NGZ)