Weihnachtsgeschichte von Dormagener Autorin: Als die Geschenke verschwanden

Weihnachtsgeschichte von Dormagener Autorin: Als die Geschenke verschwanden

Die junge Autorin Anna Palm hat exklusiv für die NGZ eine Geschichte geschrieben, die auch von einem kleinen Wunder erzählt.

Ich empfinde eine Art Hassliebe für Weihnachtsshopping. Ja, auch ich hasse ich wie alle anderen Menschen die wütende Weihnachtsarmee, neuerdings mit Beuteln statt mit Plastiktüten bewaffnet, denn 20 Cent sind sogar 40 Pfennig! Aber ich liebe es auch, meine Wohnung in der Vorweihnachtszeit in eine Weihnachtsstube zu verwandeln. Sowohl Edeka als auch Coca-Cola würden gern ihre Weihnachtswerbespots bei mir drehen, da bin ich mir sicher. Deswegen stampfe ich mit ausgefahrenen Ellbogen durch den mit hunderten Leuten gefüllten Neusser Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz, atme Bratwurstqualm ein und schließe mich dem "Last-Christmas"-Geträllere der Live-Band vor dem Quirinus-Münster an.

Denn dieses Lied ist sozusagen die Kriegstrommel. Jeder einzelne Einkäufer hier ist ein Soldat mit nur einer einzigen Mission: Besorg die verdammten Geschenke. So schnell wie möglich! Schneller als die anderen Vollidioten hier! Eine Vollblut-Mutti prescht wie ein D-Zug an mich heran, die Arme voller Christstollen. Sie erwartet wohl, dass ich ihr Platz mache. Denkste! Ich drehe meine rechte Seite mit ausgestrecktem Ellbogen in ihre Richtung, sie weicht knapp aus, jongliert ihre Christstollen und versieht mich dabei mit einem lautstarken "Rotzgöre!".

"Rotzgöre!" steht auch auf meinem Hipster-Studenten-Baumwollbeutel. Darin habe ich schon Walnüsse und Spekulatius, einen Santa-Claus-Überzug für mein Bett, armlange Zuckerstangen sowie rentierförmige Kerzen mit Lebkuchenduft. Als vorbildliche, studierende und höchsterwachsene Tochter habe ich die Geschenke für meine Familie aber natürlich nicht vergessen: Meine Eltern bekommen den gleichen Krimi (sonst sind sie eh nur neidisch auf das, was der andere gerade liest), meine Schwester eine pinke Haarbürste und alle anderen versorge ich mit Tee. Denn meine restlichen 37 Verwandten freuen sich an Weihnachten allesamt inbrünstig über Pfefferminztee mit Schleifchen.

In einer Rekordzeit von 47 Minuten habe ich meine Weihnachtsdeko beisammen und einen Latte Macchiato mit essbaren Zimt-Glitzersternchen in der rechten Hand. Jetzt kaufe ich mir zur Belohnung für meine Mühen noch eine süße Mütze, und dann ab nach Hause. Ich nippe mit gespitzten Lippen an meinem Heißgetränk, wehre mit dem linken Ellbogen eine andere Weihnachtskriegerin ab - und erblicke im Schaufenster eines Second-Hand-Ladens eine supersüße, rotweiß geringelte Weihnachtsmütze. "Die ist ja niedlich!" Im ersten Moment wundere ich mich, meine Gedanken laut zu hören - dann fällt mir auf, dass die Worte aus dem Mund von einer anderen Weihnachtskriegerin kommen. Nein, stopp, das hier ist meine Belohnung für diesen erschöpfenden Marathon. "Ich habe sie zuerst gesehen!", stoße ich aus.

Die andere Weihnachtskriegerin fixiert mich kurz aus irren grünen Augen, dann stürmt sie einfach los und reißt die Ladentür auf. Ich gebe zu: Synapsenkurzschluss bei mir. Mit überschwappendem Glitzersternchen-Macchiato und Streitaxt-Geschenkebeutel rase ich hinterher, trampele über sechs fremde Paar Zehen hinweg durch die Tür und zwänge mich hinter dieser bekloppten grünäugigen Hexe ins Schaufenster. Ich lasse Getränk und Beutel fallen, da hält sie die wunderhübsche Mütze schon in der Hand. Hinter mir brüllt ein alter Mann eine Verkäuferin an, irgendwas mit Marmeladenfleck und Riesenfrechheit. Ich mache einen großen Satz auf die grüne Hexe zu, greife den Bommel und ziehe. Sie lässt nicht los. Ich auch nicht. Die Mütze reißt entzwei, und wir knallen beide rücklings an die Wand. Ich rutsche in meiner Macchiato-Pfütze aus und schlage mit dem Kopf auf den Boden.

Dann schießt plötzlich ein goldweißer Blitz aus dem Nichts und erleuchtet alles um mich herum. Für eine Sekunde hat die Schwerkraft sich verzehnfacht, ich klebe am Boden, und auch niemand sonst um mich herum bewegt sich. Ich höre lautes Blätterrauschen. War das ein goldener Flügel am Himmel? Und dann donnert eine tiefe melodische Stimme: "Geht's noch?"

Das Licht erlischt, ich blinzele. Wo bin ich, was ist passiert? Scheiße, ich war wohl tatsächlich ohnmächtig. Ich erinnere mich an die Mütze und die grüne Hexe... Gegenüber von mir erblicke ich das paar irrgrüner Augen, die andere Weihnachtskriegerin setzt sich stöhnend auf und zieht sich eine blonde Haarsträhne von der blutig aufgeplatzten Stirn ab. Wir schauen uns an wie müde lustlose Kämpfer nach einem Unentschieden, von dem keiner etwas hat. Ich taste nach meinem eigenen Kopf, fühle aber kein Blut, sondern nur eine einhornmäßige Beule. "Ich glaube, du musst ins Krankenhaus, das sieht übel aus", sage ich. "So eine Scheiße", erwidert sie und schaut sich dann hastig um. "Hast du jetzt eiskalt die Mütze eingesteckt?" Um uns herum ertönen jetzt auch noch laute Stimmen, weibliche Hysterie mischt sich mit männlichem Urzorn. "Ich hab die Mütze nicht", erwidere ich matt. Da krabbelt die grüne Hexe schon wie eine Psycho-Hyäne zu meinem Beutel und will was auch immer herausholen - es ist aber nichts drin. "Leer", sagt sie verwirrt und hält ihn zur Verdeutlichung verkehrt herum hoch. Ich starre. LEER. Die vier Buchstaben boxen mir einzeln wie Medizinbälle in den Magen. Aber meine Plätzchen. Meine Zuckerstangen. Meine Rentierkerzen!!! Meine ganzen Einkäufe sind einfach verschwunden, ich wurde bestohlen! Ich stehe auf und setze zu einem schrillen Schrei an, doch mehrere andere Menschen kommen mir zuvor und brüllen im Chor: "Meine Geschenke sind weg!!!"

Ja, es kann immer noch schlimmer kommen: Aus dem Weihnachtskrieg wird eine Weihnachtszombieapokalypse, und ich schaue wie in Trance zu. Als die grüne Hexe feststellt, dass auch ihr Rucksack kein einziges Geschenk mehr enthält, fängt sie sofort an zu weinen und stürmt mit einem erdbebengleichen "DAS SIND ECHTE DIAMANTEN!!!" aus dem Laden heraus. Vor mir auf der Straße prügeln sich zwei Jungs und kugeln immer weiter in einen Glühweinstand hinein, neben mir schaut der Beschwerde-Opa ungläubig auf seine leeren Hände, in denen er eben noch einen Pulli hielt, dann setzt er zu einem gefühlt unendlich andauernden Brüllen an.

Menschen durchsuchen mit schlotternden Fingern jedes winzige Reißverschlussfach ihrer Taschen, danach laufen sie wild gegeneinander und stoßen kreischende Drohungen aus. Nur die Live-Band singt wie zum Hohn sanft und ausgelassen "O du fröhliche". Das kann doch nicht wahr sein. Ich muss dermaßen auf den Kopf gefallen sein, dass ich immer noch ohnmächtig bin. Aber als ich mich kneife, tut es sehr weh.

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Okay: Ich bin keine winselige Achtklässlerin mehr, sondern eine höchsterwachsene BWL-Studentin im ersten Semester. Und weil ich später nie wieder Geldprobleme und eine altrosa Altbauwohnung haben werde, kann ich mir meine Weihnachtsdeko auch doppelt leisten. Ich kann mir später überlegen, was um Gottes Willen gerade passiert ist.

Ich verlasse den Laden, dränge mich durch den Zombiemob und stelle mich wieder an der Süßigkeitenbude an, um mir abermals zehn Zuckerstangen zu kaufen. Neben mir versucht eine völlig aufgelöste junge Mutter, ihrem völlig aufgelösten Sohn zu erklären, wohin sein Dschungellego verschwunden ist.

Eine ähnliche Frage kann ich mir auch wieder stellen. Ich packe also die Zuckerstangen in meinen Beutel, und sie lösen sich vor meinen Augen in Luft auf. Wirklich, ohne Spaß, einfach weg! Was immer hier abgeht, ich muss jetzt nach Hause. Vielleicht gibt es Harry Potter, vielleicht ist das ein Fluch, was zur Hölle...?! Ich laufe mit wackligen Beinen und vor Nervosität klappernden Zähnen los. Bloß runter von diesem Weihnachtsmarkt - da kommt mir ein sehr eingeschüchtert aussehender Japaner entgegen und fragt nach dem Weg zum Hauptbahnhof. Ein sehr großer Teil von mir möchte ihn anblaffen, dass er gefälligst googeln soll. Ich atme aber tief durch und erkläre es ihm. "Thank you so, so much!" sagt er.

Seine Augen weiten sich vor Panik, als drei Meter neben uns eine Seniorin mit Federhut beginnt, sich mit ihrem Regenschirm durch die Masse zu schlagen. Zum Glück stehen wir ihr nicht im Weg. "Oh and... is this yours? Did you lose it?" Er deutet auf ein einzelnes Päckchen Pfefferminztee mit Schleifchen, das plötzlich kerzengerade zwischen uns auf dem Boden steht. Während er sich von dannen macht, fixiere ich wie vom Donner gerührt ein Siebenunddreißigstel meiner Verwandtengeschenke. Nach zwei ängstlichen Sekunden, in denen ich mich nicht traue, das Päckchen anzufassen - es könnte ja eine Falle sein, nachher geht eine Falltür auf oder so -, stecke ich es in meinen Beutel. Ich halte den Beutel offen und gucke den Tee an. Er bleibt drin. Ich schließe den Beutel, warte fünf Sekunden und gucke wieder rein. Der Tee ist immer noch da. Tja, ich würde sagen, dieses Mal kriegt nur meine Lieblingstante etwas.

Ich bin noch nicht einmal zwei Meter weitergegangen, da schreit jemand neben mir plötzlich wie am Spieß los. Ich kriege fast einen Herzkasper und mache einen Sprung nach hinten an die rettende Wand. Was ist das hier für ein dämonischer Zirkus? Der kleine Junge, der eben noch nach seinem Dschungellego gefragt hat, steht plötzlich ganz allein neben mir und schreit abwechselnd nach seiner Mama und nach seinem Lego. Tränen kullern ihm wie Murmeln über die Wangen und verwandeln sich allmählich in einen Rotzbach. Ich stoße etwas aus, was so die Mitte zwischen Knurren und Seufzer ist, hebe den verlorenen Jungen auf den Arm und stiefele mit ihm in Richtung Bühne. Dort angekommen entreiße ich der als Weihnachtsengel verkleideten Sängerin das Mikro. "Hier möchte ein kleiner Junge aus einem Alptraum abgeholt werden!", rufe ich in die Menge. "Er heißt..." Ich halte dem Kleinen das Mikro vor die Nase. "Lego!", sabbelt er herzerweichend. "Lorenz-Alexander!" kreischt es da auch schon zurück, und zehn Sekunden später ist Lego-Lorenz wieder in den Armen seiner inzwischen rot verheulten Mutter. Als ich mich zum Gehen wende, wächst am Bühnenrand plötzlich eine Pyramide aus sechsunddreißig Päckchen Pfefferminztee aus dem Boden.

Ich könnte mich jetzt auf den Boden schmeißen und nach einer Zwangsjacke schreien, oder ich glaube eben an Wunder. An das Wunder, dass ich mir mit guten Taten meine Geschenke zurückholen kann. Ich bringe leere Glühweintassen zurück, ohne das Pfand einzukassieren; dann spendiere ich einem Obdachlosen eine Bratwurst und einen heißen Apfelsaft. Und so bekomme ich tatsächlich die Geschenke für meine Familie zurück. Von meiner zauberhaften Deko fehlt aber noch jede Spur, aber vielleicht, wenn ich mir ganz besonders viel Mühe gebe... Ich sprinte ein weiteres Mal wie ein unkaputtbarer Rugbyspieler zur Bühne und entreiße dem Weihnachtsengel abermals das Mikro, er ist sichtlich verärgert. "Liebe Neusser Bürger, ich bitte um eine Minute!!!", schreie ich. "Ich weiß, wie ihr eure Geschenke wiederkriegt!!!". Totenstille. Der Beschwerde-Opa hört auf zu brüllen. Die Jungs lassen die Fäuste sinken und fahren zu mir herum. Die Seniorin lässt sogar vor Aufregung ihren Schirm fallen. Hunderte unterbrechen Aggression/Trauer/Nervenzusammenbruch, als wäre das nur ein Theaterschauspiel. "Und wie?", knurrt der Beschwerde-Opa misstrauisch. "Ihr müsst was Gutes tun! Spendiert euch gegenseitig was! Macht euch Komplimente! Umarmt euch! Ich schwöre, ich hab es selber ausprobiert! Ist doch auch nicht so schwierig, oder? Nächstenliebe und so, das schaffen wir ja so schon nicht, aber an Weihnachten sollten wir es wenigstens mal versuchen!"

"Es funktioniert!!!", schallt es da zurück. Die Christstollen-Frau hat sich ihrem Stehnachbarn an den Hals geschmissen, jetzt umarmen sie beide einen Berg aus Christstollen.

Als wäre dies der ultimative Beweis, dass ich wirklich die Wahrheit gesagt habe: Die Neusser springen sich wie lebensgroße Teddybären in die Arme, lachen und helfen und loben und entschuldigen sich. Direkt an der Bühne sammeln sich immer mehr Leute in einer großen Gruppenumarmung. Die Zombieapokalypse mutiert zur Kuschelparty. Und ich schwöre, die Geschenke ploppen auf wie schlechte Animationen in einem Computerspiel aus dem Jahr 2000! Lego-Lorenz' Dschungelset erscheint sogar aus dem Nichts in seinen erwartungsvoll ausgestreckten Händen. Und wie erhofft finde ich auch meine gesamte Weihnachtsdeko samt XXL-Zuckerstangen und Rentierkerzen hinter mir auf der Bühne.

Ich schnappe mir meine Habseligkeiten und renne um mein Leben, um diesem Zirkus zu entkommen. Hinter mir eröffnet ein Budenbesitzer vor lauter Freude die Gratis-Glühwein-Happy-Hour. Damit haben alle Leute für dieses übernatürliche Gedöns jetzt wenigstens eine perfekte Ausrede.

(NGZ)