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Neuss: Als der Reitsport noch in der City war

Neuss : Als der Reitsport noch in der City war

Im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs ging eine Reitanlage an der Schorlemerstraße zugrunde, die seit der Kaiserzeit ein Treffpunkt des Neusser Bürgertums wurde. An Stelle dieses Tattersall genannten Hofes wurde 1957 die Neusser Turngemeinde heimisch.

Die Turngemeinde Neuss hat eine Bauvoranfrage zum Neubau eines Vereinsheims gestellt. Der größte Sportverein der Stadt will erneut an dem Standort investieren, wo er 1957 heimisch wurde und die heute noch genutzte Turnhalle errichtete: an der Schorlemerstraße. Dort hatte es schon vorher "Hallensport" gegeben, allerdings ganz anderer Art, wie sich Hella Panzer (92) erinnert. Sie hat an genau dem gleichen Ort 1932 Reiten gelernt und war gerne Gast — im "Tattersall".

Der Reitlehrer Richard Tattersall (1724-1795) gründete in London die erste Reitschule mit Stallungen, Pferdebörse und Wettbüro. Diese Anlage wurde Modell für andere, der Name ein Synonym für Reitschulen, wo auf Schulpferden Reitunterricht erteilt aber auch Privatpferde versorgt wurden. Im Neuss der Kaiserzeit wurde der Reitsport-Verein Neusser Tattersall gegründet. 1923 übernahm der neugegründete Verein für Reit- und Fahrsport die Reitbahn. Anteilsscheine am Tattersall, der nach Auskunft des Stadtarchivs um 1907 zwischen Eisenbahnstrecke und Stadtgarten erbaut wurde, erinnern an diese Zeit. Sie werden heute unter Sammlern historischer Wertpapiere hoch gehandelt.

Hella Panzer, eine geborene Junker und damals an der Drususallee wohnhaft, lernte den Betrieb im nahe gelegenen Tattersall schon als Kind lieben. Ihr Vater, Kavallerist im Ersten Weltkrieg und Chef des Neusser Reiterkorps, hatte dort jeden Mittwoch "Dienst". Mit acht Jahren setzte er seine Tochter erstmals auf das Pferd, mit zwölf bekam sie Reitunterricht. Und erst als sie im Alter von 82 Jahren vom Pferd stürzte und sich verletzte, gab sie diesen Sport endgültig auf.

Als Hella Panzer regelmäßiger Gast in Ställen und Reitanlagen des Tattersall wurde, führte dort schon Direktor Rösler Regie. Er war von Werner Schaurte, einem Förderer des Reitsports, als Leiter des Tattersall nach Neuss geholt worden. Er machte, wie in zeitgenössischen Zeitungsartikeln mehrfach festgestellt wurde, aus der Reitanlage "ein Schmuckstück für die Stadt" und diese zu einem Treffpunkt des Neusser Bürgertums. Zuletzt allerdings wurde die Anlage auch vom "SA-Reitersturm" genutzt, der sein Heim gleich nebenan unterhielt.

Hella Panzer verbindet mit den Jahren im Tattersall Erinnerungen an kleine Reitturniere, Ausritte und Reitunterricht, zu dem man damals ganz chic in Breeches und Jackett anzutreten hatte. Und sonntags spielte Fritz, einer von drei Stallknechten, zum Musikreiten Grammophonplatten ab. Meist Märsche.

Mit Kriegsausbruch wurden nach und nach alle Pferde für das Militär beschlagnahmt. "Ich habe bei jedem geweint", sagt Hella Panzer. Die Anlage ging im Bombenhagel unter. Initiativen, sie wieder aufzubauen, liefen ins Leere. Die Reiter wurden andernorts heimisch, Hella Panzer auf Gut Neuhöfgen.

(NGZ/url)