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Neuss: Als das "Krippchen gucken" in Familien noch Tradition war

Neuss : Als das "Krippchen gucken" in Familien noch Tradition war

Irgendwann des Nachts in der Adventszeit kommt das Christkindchen vorbeigeflattert und nimmt den sorgfältig geschriebenen und emsig verzierten Wunschzettel mit in den Himmel.

Die Kinder hatten ihn vorher auf das Fensterbrett gelegt. "Das ist eine Tradition, die heute leider mehr und mehr verloren geht", sagt Max Tauch, ehemaliger Leiter des Clemens-Sels-Museums. "Heute sagen die Kinder den Eltern, was sie zu Weihnachten haben wollen. Aber eigentlich ist es Brauch, dass man als Kind noch an das Christkind glaubt, das das Briefchen mit den Wünschen vom Fensterbrett holt."

Max Tauch, ehemaliger Diektor des Clemens-Sels-Museum, kennt sich mit alten Bräuchen und Traditionen aus. Foto: Woi

Überhaupt spielte es bei den Weihnachtstraditionen früher eine große Rolle, sich auf das Fest und damit eben auf jenes Christkind zu freuen, das die Geschenke brachte. "Dazu gehört zum Beispiel auch der Barbarazweig. Das war ein Kirschbaumzweig, den man am 4. Dezember, dem Barbaratag,- in die Wohnung holte und ins Wasser stellte. An Weihnachten sollte der Zweig dann blühen. Es war für uns als Kinder immer spannend, ob das auch wirklich passiert."

In der Nachkriegszeit habe man dann gerne auch Flieder als Barbarazweig genommen — der war populär, aber nicht gerade billig. "Aber zu den Festtagen war es das wert", sagt Max Tauch. Zur weiteren Vorbereitung auf Weihnachten gehörte auch, dass die Krippen in der Familie selbst gebastelt wurden und nicht etwa gekauft. Aus Sperrholzplatten wurden Stall und Figuren ausgesägt und angemalt. "Das war preiswert und ein beliebtes Geschenk", erinnert sich Max Tauch, der 1935 geboren wurde. "Dazu gehörte immer auch ein Waldspaziergang, wo man kleine Ästchen und Moos für die Krippe besorgte."

Jede Krippe wurde dann im Wohnzimmer individuell aufgebaut - im Hause Tauch etwa diente ein Handspiegel der Mutter als See. Rund um Weihnachten ging es dann "Krippchen gucken": Man machte Spaziergänge zu Freunden und anderen Familien, um deren Krippen zu bestaunen. "Die Krippen wurden auch bis zum Dreikönigstag immer wieder umarrangiert — schließlich kommen die Heiligen Drei Könige erst am 6. Januar bei Josef und Maria an", sagt Max Tauch.

Das häusliche Miteinander habe die Adventszeit bis in die 70er Jahre entscheidend geprägt, so der Historiker. "Abends saß man zusammen, hat weihnachtliche Geschichten erzählt. Das ist heute ganz dem Fernsehen gewichen." Vor allem nach dem Krieg sei es Tradition gewesen, Kerzen zur Erinnerung an die Kriegsgefangenen in die Fenster zu stellen.

"Und die Kerzen konnte man auch selbst herstellen, aus Wachsresten und mit einem Docht. Dieses Kerzenziehen war für uns Kinder ein großer Spaß - auch wenn sie meistens nicht richtig brennen wollten", erinnert sich Tauch.

Bis heute hält sich aber ein Brauch im Advent: der Adventskranz. Der war früher ausschließlich mit roten Kerzen dekoriert, während er heute auch gerne in allen Farben leuchtend daher kommt. Auch einer fehlte nicht, selbst in den Kriegsjahren nicht: der Weihnachtsbaum. "Den gab es damals vom Kohlenhändler", sagt Max Tauch.

Der Weihnachtsbaum ist eine ursprünglich elsässische Tradition aus dem 17. Jahrhundert. Die grünen Zweige sollen die Kraft der Natur versinnbildlichen. Geschmückt wurde der Baum übrigens erst am 23. Dezember abends von den Eltern: "Wir Kinder konnten dann am Heiligen Abend die Lichter erahnen. Und wenn das Glöckchen klingelte, war das Christkind da", sagt Max Tauch. Der Baum war hauptsächlich in Silber schmückt, andere Farben ließen sich noch nicht herstellen. Auch Äpfel und Gebäck hingen im Baum — und Lametta. "Das ist ja völlig verschwunden", so Tauch, der ein heimlicher Sammler alter Lametta-Packungen ist. "Meine Schwester streute immer Lametta-Fäden auf die Treppe. Das sollte zeigen: Das Christkind war da."

Bevor die Geschenke ausgepackt wurden, sang und betete man. Und auch der Besuch verschiedener Gottesdienste, wie etwa die Christmette, waren ein Muss, und eine harte Geduldsprobe für die Kinder. Über einen Brauch, der heute wiedergekehrt ist, freut sich Max Tauch besonders: das Turmblasen. "Früher wurde der Heilige Abend um 15 Uhr mit dem Blasen von Trompeten oder Posaunen auf dem Kirchturm angekündigt. Das gibt es heute auf manchen Dörfern wieder."

Übrigens: Krippe und Baum bleiben auch heute noch traditionell mindestens bis zum Dreikönigstag am 6. Januar stehen.

(NGZ/rl)