Alonzo King Lines Ballet aus San Francisco bei den Tanzwochen Neuss

Internationalen Tanzwochen Neuss : Wunderbare Bilder aus der Welt der Götter

Das Alonzo King Lines Ballet aus San Francisco  zeigte seinen „Sutra“-Abend in der Stadthalle.

Der fünfte Abend der Internationalen Tanzwochen brachte das „Alonzo King Lines Ballet“ in die Stadthalle. 2007 war die Truppe aus San Francisco mit ihrem charismatischen Choreographen schon einmal zu Gast. „Rasa“ hieß der Abend damals. Das aktuelle Programm „Sutra“ klingt ähnlich, ist aber eine völlig neue Hommage an die Mythologie der indischen Götterwelt. Also auch kein „Kamasutra“, kein Lehrwerk der Erotik.

In 75 Minuten ohne Pause entführen die fünf Tänzerinnen und sechs Tänzer die Zuschauer in eine Welt der Tempel, mit rauschhaftem Zeremoniell, betörender Musik und Bildern, die nach dem Abend im Gedächtnis haften bleiben. In immer neuen Schwaden zieht Rauch auf die Bühne. Er ist sichtbar gemachter Kult oder, an anderer Stelle, das Zwielicht des Morgengrauens. Die tanzenden Figuren stehen im Bann der ewigen Dreifaltigkeit: Shiva, Brahma und Vishnu regieren die Abläufe, die in der Realität von Compagnie-Chef Alonzo King einstudiert wurden. Für den spirituellen Überbau sorgt die Musik von Zakir Hussain und Sabir Khan. Hussain ist ein Virtuose des indischen „Tabla“ einer unter die Haut gehenden Kombination von Trommel und Gesang.

Es dauert nicht lange, und die Götter aus dem Veda-Epos zeigen ihre Gestalten im wechselnden Licht. Das sind vor allem die Mehrarmigen, also Brahma, Kali, Lakshmi und Vishnu. Letzterer offenbart sich daneben als Weltenschlange im Bann von Parvati, der Göttin für die weibliche Schöpfungsenergie des Universums. Und es gibt auch den Affengott Haniman sowie Ganesha, den Gott mit dem Elefantenkopf.

Es bleibt natürlich dem Zuschauer überlassen, ob er diese Interpretation der wunderbaren Bilder teilt. Indes lenken die mehrfach angewinkelten Arme, die eckig gespreizten Beine und ein angedeuteter Dickhäuter-Rüssel bei mehreren Szenen deutlich in diese Richtung. Die Abfolge der Bilder gehorcht keiner nachvollziehbaren Handlung. Vielmehr regieren neun „Gesänge“ mit so exotischen Namen wie „Naubat, Gangor, Chondka“ oder „Pir“, Teil eins und zwei, das Geschehen. Auf der Internetseite der Truppe heißt es hierzu: „Der Mensch selbst ist Ausdruck des Schöpfungsgedankens, und der Klang hat die mächtigste Wirkung auf ihn.“

In den Bann ziehen aber auch immer wieder Körperkünste. Zu Beginn zeigen einzelne Tänzer den Menschen mit einem schier unendlichen Potential an Bewegungs-Vielfalt seiner Gliedmaßen. Das ist kein klassisches Ballett, das ist pure Lebensfreude, aber auch Ausdruck von Anspannung, Ablehnung oder gar Abwehr. Ausschweifendes Gehen im Stehen wechselt mit einem „Bewegungstier“, einer Menschenrolle aus sechs Personen, einem „24-Füßler“. Irgendwann fällt ein Kleiderbündel der Truppe in die Hände, und flugs eignen sich alle an, was irgendwie greifbar ist. Es bleibt nicht aus, dass man sich dabei verheddert, in der Folge zum Gefangenen der eigenen Kostümierung wird. Wie Kokons kurz vor der Verpuppung rollen dann die Stoffklumpen über die Fläche. Womit man beim Titel dieses großartigen Gastspiel-Abends wäre. „Sutra“ bedeutet Band oder Faden, etwas, was die Dinge zusammenhält. So erläutert auf Englisch das Programmblatt. In den indischen Veda-Büchern heißt es, dass sich der Kosmos wie ein Spinnennetz aus dem Wesen Gottes gebildet hat. Das oberste Wesen ist der göttliche Faden, der sich durch die gesamte Schöpfung zieht. Das passt zum Namen der kalifornischen Tanzformation.

„Lines“, so erläutert Alonzo King, steht eigentlich für alles, was die Welt zusammenhält: die Körperformen, der Fingerabdruck, Genealogie oder der Äquator. Klingt ein bisschen nach Passepartout. Doch egal, wohin die Gedanken schweifen beim Erleben dieser neuen Choreographie von Alonzo King, die seit knapp einem Jahr um die Welt tourt: Ihre spirituelle Exotik ist ein Erlebnis der besonderen Art.

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