Abschluss der Internationalen Tanzwochen in Neuss mit der New York Dance Company

Abschluss der Internationalen Tanzwochen in Neuss: Meisterhaftes Gastspiel der New Yorker Dance Company

Für ein paar Sekunden blitzt das Bild von Eisschnellläufern auf, die mit kraftvollen Armschwüngen ihre Bahnen ziehen. Dann beginnt ein Strudel von Bewegungen, der schier atemlos macht. „Half Life“ ist pure Dynamik, Rasanz, Unrast.

Welch ein furioser Auftakt für das Gastspiel der Paul Taylor Dance Company zum Abschluss der Internationalen Tanzwochen.

Die zwölf Tänzer drängen ungestüm vorwärts, umkreisen und balgen sich, rotten sich zusammen, driften auseinander. Und rennen, rennen, rennen, dass einem ganz schwindelig wird. Unfassbar, wie sie sich die Choreografie von Doug Varone überhaupt einprägen konnten. Da gibt es kein Innehalten, kein Verschnaufen. Bleibt einer liegen, zerren die anderen ihn wieder hoch, angestachelt von der flirrenden Musik „Fuel“ von Julia Wolfe. Am Ende ist es, als habe der Sturm sich gelegt. Zu einem sirrenden Ton streben die Tänzer mit erhobenen Köpfen und gemessenen Schritten auseinander. Eine Atempause, auch für die gebannten Zuschauer.

Im August 2018 verstarb Paul Taylor, Gründer und bis zu seinem Tod künstlerischer Leiter der berühmten New Yorker Dance Company. Er schuf die Choreografie für „Scudorama“, dem zweiten Stück des dreiteiligen Abends. 1963 wurde es uraufgeführt und 2008 runderneuert. Der Titel beschreibt eine Wolkenformation, die in Fetzen über den Himmel rast. Paul Taylor thematisierte nach eigener Interpretation in diesem düsteren „Tanz des Todes mit leichten Berührungen“ die sorgenvolle Zeit nach der Kuba-Krise, geprägt von Ängsten vor einer nuklearen Katastrophe. Unterstrichen wird die unheilvolle Atmosphäre, die „Scudorama“ ausstrahlt, durch die klagende, dann wieder strenge Musik von Clarence Johnson. Wieder wird ein schnelles Tempo vorgelegt, die acht Tänzer sind gejagte, getriebene Gestalten. In dicke Decken gehüllt, kauern sie bisweilen auf dem Boden oder robben wie zottelige Tiere ungelenk über die Bühne. Meisterhaft, aber beklemmend.

Als sich nach der Pause der Vorhang öffnet, der Blick auf eine Gruppe von Tangotänzer fällt und die ersten Töne erklingen, geht ein befreites Raunen durch den Saal. Auch die Choreografie zu „Piazzolla Caldera“ stammt von Paul Taylor. Sie entstand 1997 als Hommage an das brodelnde Temperament des Tangos. Aber wie elegant er das umsetzt! Unmittelbar ist man umfangen von südamerikanischem Lebensgefühl, von Sehnsucht und Verlockung. Kompliziert verschachtelte Passagen entfachen ein Spiel mit dem Feuer, das Männer wie Frauen anzieht. Sie fliegen sich in die Arme und wissen beim Pas de deux nicht, wohin mit ihrer Leidenschaft. Duftige Kleider, Anmut, Leichtigkeit und die wunderbare Musik von Astor Piazzolla und Jerzy Peterburshsky machen aus dem Stück ein heiter zelebriertes Fest.

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