Bettina Jahnke und Katka Schroth: Absage der RLT-Komödie - zwei Sichtweisen

Bettina Jahnke und Katka Schroth : Absage der RLT-Komödie - zwei Sichtweisen

Nach der Entscheidung der Intendanz des RLT, ein Stück einen Tag vor der Premiere abzusetzen, gibt es nicht wenige unter den regelmäßigen RLT-Besuchern, die sagen: "Das hätte ich eigentlich gerne gesehen." Die Neugierde ist umso größer, weil man nur spekulieren kann, wie die Aufführung der Komödie "Noch ist Polen nicht verloren", basierend auf dem Film "Sein oder Nichtsein" von Ernst Lubitsch, gewesen sein könnte.

Was also waren die Gründe? Kann man sie benennen? Wir haben sowohl die Regisseurin der Produktion, die in Berlin lebende Katka Schroth, wie auch die Intendantin des RLT, Bettina Jahnke, unabhängig voneinander zu der Bühnenarbeit und dem Entschluss, sie nicht zu zeigen, befragt. Helga Bittner führte die Gespräche.

Bettina Jahnke ist seit 2008 Intendantin des RLT. Foto: end

Frau Jahnke, was hat Sie zu der Absage bewogen?

Katka Schroth hat jetzt vier Mal am RLT gearbeitet. Foto: D. Mugler

Jahnke Nach der ersten Hauptprobe, die ich gesehen habe, und noch nach der zweiten hatte ich das Gefühl, dass der Abend nicht lesbar ist. Die Konzeption, mit der das Team angetreten war, hat sich nicht erfüllt, war nicht mehr erkennbar.

Aber anfangs waren Sie vom Konzept überzeugt?

Jahnke Mir war klar, dass Katka Schroth die Komödie nicht vom Blatt inszenieren würde, dafür habe ich sie ja auch geholt, zumal da wir uns auch gut kennen. Ich wollte nicht, dass man dieses Stück mit dem sensiblen Thema Nationalsozialismus ohne Haltung macht, und Katka Schroth hat eine Haltung. Ich fand die Konzeption durchaus gewagt, etwa alle in einem Kostüm der Nazi-Uniform spielen zu lassen. Aber wenn man sich so lange kennt wie wir, vertraut man sich auch.

Was ist dann schief gegangen?

Jahnke Es zeigte sich, dass ein Konzept theoretisch sehr spannend klingen kann, aber praktisch dann nicht funktioniert. Die Grundidee war, nicht mehr zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, zu zeigen, dass wir alle Opfer und Täter in einem sind. Das leuchtete mir ein,war aber auf der Bühne für mich nicht mehr zu erkennen.

Inwiefern?

Jahnke Durch die Nicht-mehr-Unterscheidbarkeit der Figuren auf der Bühne konnte ich als Zuschauer auch keine Unterscheidbarkeit mehr in den Haltungen erkennen. Dadurch habe ich immer nach der Geschichte gesucht und mich gefragt: Worum geht es? Ich war als Zuschauer immer nur dabei, den Transfer zu leisten: Wo bin ich gerade mit welcher Figur, in welchem Raum, in welcher Zeit?

Sie haben Änderungen verlangt?

Jahnke Ja, nach der ersten Hauptprobe am vergangenen Freitag, denen das Regieteam auch zugestimmt hat. Die Geschichte wurde vereinfacht, war aber bei der zweiten Hauptprobe nur für denjenigen leichter lesbar, der das Stück schon mal gesehen hat. Das Grundproblem blieb also bestehen.

Gab es keine Option für die Premiere?

Jahnke Nein, für mich nicht. Über die künstlerische Linie des Theaters entscheide ich als Intendantin mit meinem Team und nicht das Publikum. Ich muss aber hinter einer Inszenierung stehen, sie vertreten können. Bei "Törless" war das so. Diese Arbeit hätte ich gegen Diskussionen und Vorwürfe der Zuschauer nicht verteidigen können.

Hätten Sie früher eingreifen müssen?

Jahnke Für mich ist es die Freiheit der Kunst, den Künstlern an meinen Haus in einem vertrauensvollen Verhältnis lange die Freiheit zu geben, umzusetzen, was sie umsetzen wollen. Aber ich und mein Team müssen am Ende entscheiden, ob das noch der Linie des Hauses entspricht, die ja auch der Zuschauer kennt und der er vertraut.

Gibt es noch eine Zusammenarbeit mit Katka Schroth?

Jahnke Prinzipiell kann ich mir vorstellen, dass sie wiederkommt.

Interview mit Katka Schroth

Katka Schroth hält die Absetzung ihrer Arbeit immer noch für eine falsche Entscheidung

Frau Schroth, hat die Absetzung Ihrer Inszenierung Sie überrascht?

Schroth Absolut! Meine Handschrift ist dem Haus bekannt, wir haben ein Konzept abgesprochen, die Arbeit ist zu einem absolut klaren Ergebnis gekommen, hinter dem auch das komplette Ensemble steht. Die Absage ist für mich auch jetzt noch nicht nachvollziehbar. Wir haben zwar sehr viele Gespräche mit Theaterleitung und Ensemble gehabt, aber für mich hat sich nicht im Mindesten eine Erklärung ergeben, warum dieser Abend nicht gezeigt werden darf. Ich habe nichts anderes gemacht, als ich im Konzept schon vorgestellt habe. Eine typisch konventionelle Aufführung ist bei mir nicht zu erwarten, und dafür wurde ich auch nicht eingeladen.

Wurde die Produktion denn begleitet?

Schroth Natürlich. Vor allem ja durch Barbara Noth, der Chefdramaturgin des RLT. Sie ist eine kritische Begleiterin, aber auch sie steht hinter dieser Arbeit.

Was war der Grund für die Absage?

Schroth Es gibt vor allem zwei Vorwürfe, die allerdings für mich auch sehr widersprüchlich und keineswegs plausibel sind. Einmal heißt es, die Arbeit sei zu hermetisch, nicht lesbar. Das aber kann man erst wissen, wenn man sie vor Zuschauern gezeigt hat. Jedes Theater, das einem fremd ist, hat auf den ersten Blick etwas Hermetisches, wenn es eine eigene Handschrift hat. Auch Langweiliges hat was Hermetisches. Aber bei "Polen" war es ja wohl genau anders herum — es war zu viel los.

Und der zweite Vorwurf?

Schroth Es wurde eine Unterkomplexität bemängelt. Wir haben die Geschichte aus der Gegenwart heraus mit dem Blick zurück erzählt. Wer es andersherum erwartet, also aus der Vergangenheit heraus, ist auf den ersten Blick enttäuscht. Das ist mir klar. Aber das kann man ja durch die Aufführung diskutieren, nachdem man sie gesehen hat.

Sie sprachen von Widersprüchen. Wo sehen Sie die?

Schroth Die Vorwürfe passen doch nicht mehr, wenn gleichzeitig gesagt wird, diese Inszenierung könnte in einer Großstadt zur Aufführung kommen.

Ist also für Neuss nicht geeignet?

Schroth Ja, das war auch ein Argument. Der nächste Widerspruch ist der, dass die Leitung die herausragende Ensembleleistung, die hohe künstlerische Qualität von Konzept und Umsetzung bestätigt hat. Das Ensemble hat geschlossen dafür gekämpft, diese Aufführung zu zeigen — durchaus mit dem Bewusstsein, dass sie für Diskussionen sorgen wird. Genau das sollte der Abend auch sein — Vergnügen und Auseinandersetzung. Deswegen habe ich eine Absetzung auch gar nicht für möglich gehalten, weil alle komplett hinter der Arbeit stehen. Und das macht mich auch sprachlos.

Ist für Sie nach dieser Geschichte das Tischtuch zerschnitten?

Schroth Ich zerschneide keine Tischtücher und sage dazu nur: Theater ist immer Diskussion und Auseinandersetzung.

(NGZ)
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