Neuss: 400 Haltestellen in Neuss nicht barrierefrei

Neuss : 400 Haltestellen in Neuss nicht barrierefrei

Bis 2022 müssen alle Haltestellen barrierefrei sein, bisher sind es aber erst 20 Prozent. Der Ausweg aus der Klemme: ein Nahverkehrsplan.

Das Gesetz ist eindeutig, die Bewertung auch. Bis zum 1. Januar 2022 muss an den Haltestellen des öffentlichen Personennahverkehrs "eine vollständige Barrierefreiheit" erreicht sein. Das sagt das Gesetz. Der Neusser Planungsdezernent Christoph Hölters sagt: "Das ist kaum zu schaffen." Denn neben den Kosten, die Hölters mit etwa 20 Millionen Euro veranschlagt, spricht das Tempo dagegen.

Seit 2004 die erste Haltestelle in Neuss barrierefrei ausgebaut wurde, wurden nach Hölters Angaben gut 100 mit erhöhten Bordsteinen versehen. Aber fast die vierfache Anzahl wäre noch zu bearbeiten. Angesichts von drei in diesem Jahr fertig gewordenen Haltestellen und vier Umbauten, die für 2014/15 im Investitionsplan stehen, klingt das nach einem Jahrhundertprojekt. "Wir werden ganz klar Prioritäten setzen müssen", sagt Hölters.

Dazu muss ein Plan her. Den gab es bisher ebenso wenig wie eine Prioritätenliste. Statt dessen nutzte die Verwaltung Anlässe wie den Umbau der Further Straße, um auch die Bushaltestellen an die Standards der Barrierefreiheit anzupassen. Im nächsten Jahr wird nun mit den Vorbereitungen eines neuen Nahverkehrsplanes auch eine Bestandsaufnahme der Haltestellen gemacht.

Der Plan ist aus zwei Gründen notwendig. Erstens: Er ist die Basis für die Ausschreibung der Nahverkehrsdienstleistungen, die 2019 neu vergeben werden. Konzessionsnehmer derzeit sind die Stadtwerke. Die Ausschreibung erfolgt europaweit — mit 27 Monaten Vorlauf, wie Hölters erklärt. Zweitens: Das Personenbeförderungsgesetz lässt eine Abweichung von der Zeitvorgabe 1. Januar 2022 zu, wenn in diesem Plan Ausnahmen konkret benannt und begründet werden. "Diese Chance haben wir noch", sagt der Dezernent. Aber die Aufgabe sei erkannt.

Schützenhilfe erhält der Planungsdezernent indirekt von Max Fischer, dem Behindertenbeauftragten der Stadt, und dem Arbeitskreis "Neuss barrierefrei", in dem Vertreter unterschiedlicher Selbsthilfegruppen zusammenarbeiten. In dieser Runde war der ÖPNV das Schwerpunktthema der vergangenen zwei Jahre, sagt Fischer, der gerade an seinem Abschlussbericht dazu arbeitet.

Darin stuft der Arbeitskreis schon 40 Prozent der Haltestellen als "barriererarm" ein und kommt zu einem anderen Ausgangwert als die Stadt. Barrierearm bedeutet, so erklärt Fischer den Unterschied, dass zwischen Bordstein und dem Einstieg in Bus oder Bahn noch eine Schwelle von etwa zehn Zentimetern Höhe zu überwinden bleibt. "Die können mit einer ausklappbaren Rampe überbrückt werden, die in fast allen modernen Bussen verfügbar ist", sagt er. Doch auch aus Sicht von "Neuss barrierefrei" sind noch 250 Haltestellen umzubauen. "Ein Problem", so Fischer.

Er regt an, zunächst alle Haltestellen mit Fahrgast-Informationssystem in Angriff zu nehmen. Das wäre ein erster Schritt, sagt er. Ob danach auch Haltestellen wie "Erprather Mühle", wo nur alle Jubeljahre jemand ein oder aussteigt, angepasst werden muss? — Fischer ist das skeptisch. Größten Handlungsbedarf sieht er am Theodor-Heuss-Platz. Ein Umbau dort und "die Kette in die Stadt hinein wäre geschlossen."

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE