Neukirchen-Vluyn: Wenn Sprache ein Zuhause ist

Neukirchen-Vluyn: Wenn Sprache ein Zuhause ist

Platt, et geff nex Schönr'es op de Welt, sagen die Mundartler, wenn sie ihre Liebe zur Heimat meinen. In Neukirchen-Vluyn pflegen beide Heimat- und Verkehrsvereine die Mundart.

Liebe zur Heimat zeigt sich auf ganz unterschiedliche Arten. Für die beiden Neukirchener Walter Mühlenhoff und Anneliese Kutsch ist es die Liebe zur Heimatsprache, zum Platt. Im Neukirchener Heimat- und Verkehrsverein (HVV) sind beide aktiv. Zusammen mit dem Vluyner HVV engagieren sie sich als Laiendarsteller in der gemeinsamen Mundartgruppe. "Wir proben und spielen zusammen", erzählt Anneliese Kutsch. In Vorbereitung ist in der knapp 20-köpfigen Gruppe aktuell der beliebte Mundartnachmittag, der am 25. März zu Dönekes, Gedeechten und Vertellstöcksken einlädt.

"Mundart bedeutet für mich Heimat. Eine eigene heile Welt, die an Kindheit und Jugend erinnert", sagt Anneliese Kutsch. "Man kann sich vor allem auf Platt ganz anders ausdrücken", sagt Walter Mühlenhoff, der beim Treffen mit Anneliese Kutsch sofort ins Platt fällt. "Platt ist für mich Kulturgut und ein Stück Heimat, das es nur hier vor Ort und nirgendwo anders gibt." Dabei setzt schon der Wortklang einen Automatismus in Gang, wie Anneliese Kutsch sagt. Sobald sie Menschen hört, die Mundart sprechen, macht sich Vertrautheit breit, legt sich eine Art Schalter um.

Für die Neukirchener bietet der Heimatdichter Heinrich Goldberg (1875 bis 1958), nach dem der Mehrzweckraum der Sparkassengeschäftsstelle benannt wurde, einen reichen Schatz, wenn es um Gedichte und Heimatspiele wie "Wellfondersch Düwelschen" geht. "Min Heimat" gehört mit zu den bekanntesten Liebeserklärungen an eine Region und ihre Menschen. "Dat ös min Element", so Goldberg an anderer Stelle. Auch wenn Mundart in jener Zeit Umgangssprache war, zog das Hochdeutsche überall ein. Mühlenhoff: "Damals lockte der Bergbau, die Menschen kamen von überall." Platt galt in der Schule als rückständig und sorgte für mancherlei Hindernisse. Anneliese Kutsch: "Wir kannten Zuhause nur Platt. In der Schule wurde Hochdeutsch gesprochen und geschrieben."

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Verständlich scheint daher das sprachliche Arrangement in korrekter hochdeutscher Sprache, beispielsweise bei der Brautschau, wenn sich junge Männer auf "Freierschfüüt" machten. Walter Mühlenhoff hat aus seinem Privatmuseum dazu Postkarten an seine Mutter. "Liebe Käte, die innigsten Grüße sendet dir Wohlbekannt, aber Nichtgenannt". Die zweite Postkarte mit romantischem Bildmotiv wird deutlicher. "Liebe Käte. Die herzlichsten Grüße von der hiesigen Kirmes sendet dir Heinrich Pesch." Für Mühlenhoff ein besonderes Zeitdokument, wie an der schräg geklebten Briefmarke mit Rheinhauser Poststempel zu erkennen ist. "Wenn man damals poussierte und in diejenige Person verliebt war, wurde die Briefmarke so geklebt", erläutert Mühlenhoff das geheime Liebeszeichen. Die örtliche Brautschau in der Bauernschaft kannte Regeln. "Nicht überall wurde der junge Mann hereingebeten. Wurde ihm ein Stuhl angeboten, unter den er seinen Hut ablegen durfte, hatte er gute Karten", beschrieb Mühlenhoff die damalige Zeit.

Bis es zum Liebesschwur an "min Herzallerliewsten" kam, brauchte es seine Zeit. Auf Freierschfüüt vom protestantischen Neukirchen ins katholische Kleve zu gehen, galt schon als Abenteuer fern der Heimat. "Die Grafschaft Moers galt als Grenze wie auch die Konfession", so Mühlenhoff. So genannte Mischehen gehören längst der Vergangenheit an.

Ihre Liebe zur Heimat geben beide Heimat- und Verkehrsvereine mit verschiedenen Aktionen wie Osterfeuer, Maibaum aufstellen und Verschönerungsprojekten in beiden Ortsteilen wieder. Die Vluyner pflegen am Montag, 12. März, 19.30 Uhr, die Mundart wieder am Stammtisch in den Dürer Stuben.

(sabi)