Unterhaltsame "Witwendramen": Theater in der Kulturhalle Neukirchen-Vluyn

Theater in Neukirchen-Vluyn : Witwendramen zum Lachen und Nachdenken

Das Bilanz-Theater Moers erzählte in der Kulturhalle von Frauen, die den Tod ihrer Männer verschmerzen müssen. In einer szenischen Collage ging es um Trauer, Wut, wiedergewonnene Freiheit und den Wunsch nach neuer Liebe.

„W-i-t-w-e – an dieses Wort werde ich mich nie gewöhnen“, hieß es zu Beginn des neuen Theaterstückes der Bilanz-Theatergruppe in die Vluyner Kulturhalle. Regisseurin Ulrike Czermak verriet bei der Begrüßung, dass es heftige Diskussionen gegeben habe, ob die Gruppe das Stück „Witwendramen“ von Fitzgerald Kusz spielen solle. Doch als schließlich die Idee aufkam, die collagen-artigen Szenen mit Liebesliedern von Elvis zu würzen, waren alle, auch die tatsächlichen Witwen unter den Schauspielerinnen überzeugt: Das Stück muss auf die Bühne!

Zwei Jahre lang haben die Akteure an den Szenen gearbeitet, wobei sie aus dem Fundus des Autors auswählten und eigene Akzente setzten. Und so kam das Publikum im gut gefüllten Saal der Kulturhalle in den Genuss einer vielgestaltigen Reise durch die Tiefen und Höhen meist älterer Damen, die den Tod ihres Partners verschmerzen müssen. Da ist die Witwe, die erzählt, dass sie acht Monate lang vor dem Kleiderschrank ihres verstorbenen Mannes gestanden habe und nicht gewagt habe, ihn zu öffnen. Als sie sich endlich dazu durchringt, ist der Schrank in einer Stunde leergeräumt. „Trauer ist Arbeit“, diese Erfahrung machen wohl auch die sechs Millionen Witwen, die in Deutschland leben. Eine andere Art von Arbeit hat eine Dame, die ihren Freundinnen erzählt, dass sie in den fünf Jahren als Witwe ganze 25 Heiratsanträge bekommen habe.

Nicht nur mit liebender Trauer, auch mit Wut blicken Witwen prominenter Männer auf ihr Leben zurück: So erzählt Alma Mahler-Werfel, die Frau des Komponisten Gustav Mahler, ihr Mann hätte ihr verboten zu komponieren. Sie sei dazu da, ihn glücklich zu machen. Auch Helene Weigel, Witwe von Bert Brecht, hat Grund zur Bitterkeit. Sie lernt erst nach dem Tod ihres Mannes die wahre Bedeutung einiger seiner Verse kennen: Er hatte eine heimliche Geliebte. Eine witzige Szene im Vorzimmer eines Notars handelt ebenfalls von späten Fremdgeh-Erkenntnissen: Fünf schick gekleidete Damen mit Hut haben eine Einladung zur Testament-Eröffnung bekommen. Wie kann das sein? Die Ehefrau ist empört. Das Erbe als „Schmerzensgeld“, es so lange mit ihm ausgehalten zu haben, ist Thema einer anderen Szene.

Wahre und abstruse Geschichten werden angedeutet. Renitente Witwen und solche, die verrückt nach Friedhöfen sind. Witwen, die eine Gehhilfe dringender brauchen als einen Mann. Mal gibt eine der Schauspielerinnen einen eindringlichen Monolog und lässt in ihre Gefühlswelt blicken, mal spielen sich zwei oder drei die Bälle zu. Situationen, die vielen bekannt sind, wie die eheliche Aufgabenteilung und die Tradition, dass die Frau dem Gatten die Unterhosen zu kaufen pflegte. Ein wenig Melancholie, Sehnsucht und Einsamkeit. Aber auch neu gewonnene Freiheit, wenn ein egoistischer und kontrollsüchtiger Gatte nicht mehr da ist. Und wie steht es mit einer neuen Liebe? Im Alter noch mal verliebt sein – ein Geschenk des Himmels! Ein Wunsch kommt schließlich zum Ausdruck: Liebe müsse mit Freiheit und Respekt verbunden sein.

Die elf Schauspielerinnen, ein Schauspieler und eine Pianistin, alle im Alter von 65 bis 88 Jahren, haben das Publikum mit ihrem authentischen und ausdrucksvollen Spiel überzeugt. Der lang anhaltende Applaus und die Zugabe eines der vielen Elvis-Lieder, „Return to Sender“, bestätigten das.