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Sorge um die Helfer: Neukirchen-Vluyner Tafel macht Pause

Corona : Sorge um die Helfer: Tafel macht Pause

Viele der Helfer und Helferinnen der Lebensmittelausgabe für Bedürftige sind betagt und wären bei einer Infektion besonders gefährdet.

In den Regalen steht noch einiges an haltbaren Sachen – Speiseöl in Flaschen, Marmeladengläser, Konserven. Aber sonst herrscht gähnende Leere in den Räumen der Neukirchen-Vluyner Tafel. Keine Menschen, die emsig die eintrudelnden Warenlieferungen sortieren, keine Kunden, die erwartungsfroh um Lebensmittel anstehen. Die Tafel macht Corona-Pause. „Bürgermeister Lenßen rief bei uns an. Als ich ihm sagte, dass wir von uns aus schließen, war er wirklich erleichtert“, sagt die Vorsitzende Manuela Lenz. Bei der letzten Ausgabe durften die Kunden die Räume nicht mehr betreten. Sie bekamen draußen ihre Tüten, einfach so, ohne den sonst fälligen symbolischen Obolus von zwei Euro.

Die Aktiven der Tafel haben selbst die Notbremse gezogen, aus Sorge um die vielen älteren Frauen und Männer unter den Helfern. Insgesamt 26 sind es, die Waren bei Lebensmittelmärkten, Firmen, Bäckern im weiten Umkreis (mitunter in Köln oder Coesfeld) abholen und sie für die Ausgabe vorbereiten. Die Jüngsten der Ehrenamtler sind in ihren Fünfzigern, viele sind aber über 70 oder sogar über 80 – sie zählen damit zu einer Corona-Risikogruppe. Einige Helfer hätten angekündigt, vorläufig nicht mehr zu kommen, berichtet Helmut Stoffels, „Urgestein“ der 2003 gegründeten Tafel. „Da haben wir gesagt: Aus, Schluss. Wir riskieren das nicht mehr. Die Gefahr ist zu groß.“ Es hätten sich drei junge Leute gemeldet, die der Tafel helfen wollten. Aber sie hätten den Betrieb nicht allein stemmen können. Zudem seien zuletzt immer weniger Lebensmittel reingekommen; eine Folge der vielen Hamsterkäufe in Geschäften. „Eine Unverschämtheit der Menschen ist das“, findet Stoffels.

Die Kunden hätten Verständnis für die Schließung der Tafel gezeigt. Bei Facebook habe es allerdings auch einige Kritiker gegeben, sagt Manuela Lenz. „Es hieß: Wie könnt ihr einfach schließen. Woher sollen die Leute denn ihre Lebensmittel bekommen?“ Die Schließung der Tafel trifft bedürftige Menschen, die auf jeden Cent achten müssen: große Familien mit kleinen Einkommen, Kleinrentner, Rentner, Arbeitslose. „Mir tut die Schließung furchtbar leid“, sagt Manuela Lenz. Sie hofft, dass die Tafel-Kunden in diesen schwierigen Zeiten anderweitig Unterstützung erhalten. „Nicht alle sind allein, viele haben Kinder und Enkel. In so einer Situation muss man sich helfen.“ Die Corona-Epidemie locke zum Glück auch das Gute in den Menschen hervor. „Bei Facebook und in Kleinanzeigen bieten viele Leute Hilfe an. Es ist unglaublich. Die Gemeinschaft wird gestärkt.“ Sie glaubt und hofft, dass dies auch nach der „Corona-Zeit“ so bleibt. „Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen umdenken.“ Helmut Stoffels ist skeptischer. Er erinnert sich gut an die Not nach dem Krieg, als die Menschen in Trümmern hausten, aber der Zusammenhalt groß war. „Wir haben alles geteilt.“ Nach der Währungsreform habe sich das schlagartig geändert, jeder habe nur noch an sich selbst gedacht.

Bis zum 5. April – vorläufig – ist die Tafel-Pause anberaumt. „Jetzt machen wir ein bisschen Freizeit“, sagt Helmut Stoffels, der sonst von Montag bis Freitag kommt, um sich um den Wareneingang zu kümmern. Die Pause will er auch nutzen, um sich ein bisschen um die viel beanspruchten Tafel-Fahrzeuge zu kümmern, zwei Citroen-Kastenwagen und ein Ford-Transporter. „Wir müssen sie voll versteuern, einen Rabatt gibt es nicht.“ Auch für Benzin gibt die Tafel viel Geld aus. Zum Glück gebe es immer wieder Spender, die dem Verein finanziell unter die Arme greifen. Auf die werde die Tafel in ein paar Wochen wieder dringend angewiesen sein. Eine dauerhafte Schließung kann sich Stoffels nicht vorstellen, weder bei der Tafel in Neukirchen-Vluyn noch in anderen Städten. „In Deutschland gibt es rund 1000 Tafel, die 2,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Eine Schließung für immer, das geht gar nicht.“