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Schulleiter zwischen Christentum und Nationalsozialismus

Friedrich Avemarie : „NS-Vergangenheit darf man nicht verschweigen“

Der 81-jährige Bodo Rahn hat ein Buch über seinen ehemaligen Schulleiter Friedrich Avemarie geschrieben. Dieser war überzeugter Christ – und schaffte es offenbar, seine nationalsozialistische Vergangenheit zu vertuschen. Der Autor über den umstrittenen Neukirchener.

Der Werdegang der umstrittenen Person wird von seinem Schüler Bodo Rahn (81) in einem Buch beschrieben, das jetzt erhältlich ist.

Als das Julius-Stursberg-Gymnasium 2006 seinen 100. Geburtstag feierte, hatte Ihr Abiturjahrgang 1959 gleichzeitig zu einem Klassentreffen eingeladen. Als Sie die Festschrift in den Händen hielten, ist Ihnen ins Auge gesprungen, dass Ihr Schulleiter Dr. Dr. Friedrich Avemarie ein NS-Überzeugungstäter war. Davon wussten Sie bis dahin nichts?

Bodo Rahn Nein. Erst durch Ulrich Kemper, Fachlehrer für Geschichte des JSG, erfuhr ich davon. Er ging in seiner historischen Skizze zur Schulentwicklung auch auf die national-sozialistische Zeit ein. In einem Jahresbericht des Erziehungsvereins, der die Schule seit 1931 finanzierte, zitiert er den Direktor Dr. Dr. Friedrich Avemarie, der von 1929 bis 1956 die Julius-Stursberg-Schule geleitet hat: „Wir haben uns rückhaltlos zum Führer zu bekennen, wir müssen ihm die Treue halten und unsre Jugend, deutsche Jugend, zum restlosen Einsatz aller Kräfte für Volk und Vaterland, also zu kerndeutschen Männern und Frauen erziehen.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Julius-Stursberg-Schule war ja eine christlich geprägte Schule. Dr. Dr. Friedrich Avemarie war ein strenger Pietist. Sein national-sozialistisches Treuebekenntnis zu Hitler passte nicht zum Bild, das ich von ihm als Nachkriegs-Schüler gewonnen hatte.

Wie wuchs Ihr Interesse für ihren einstigen Schulleiter?

Rahn Ich begann mich also für Friedrich Avemarie zu interessieren und Daten zu seinem Leben zu sammeln. Ich besuchte verschiedene Archive. Im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen fand ich eine Liste mit 25 Publikationen. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Schulkollegiums hatte sie dem Neukirchener Entnazifierungsausschuss zur Verfügung gestellt. 75 Prozent der aufgeführten Titel würde man heute als NS-Propaganda bezeichnen.

Wie verlief das Leben von Friedrich Avermarie?

Rahn Er wurde 1893 in Grube Messel nördlich von Darmstadt in Hessen geboren, als achtes von zehn Kindern einer Schreinerfamilie. Weil er gut lernen konnte, erhielt er als einziger seiner Geschwister eine höhere Schulbildung. Sein Studium fällt in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Avemarie hat in Gießen studiert, und zwar evangelische Theologie, Geschichte und deutsche Philologie, um die Prüfung für das höhere Lehramt abzulegen. Eigentlich hatte er Pfarrer werden wollen, änderte dann aber seinen Berufsplan, weil ihm die theologische Fakultät zu liberal war.

Er wurde Lehrer…

Rahn Ja. Schon gleich nach dem Abitur wurde er Lehrer im hessischen Schuldienst. Seine Karriere im höheren Schuldienst begann 1919 an der Eleonorenschule in Darmstadt, einem Lyzeum. Während dieser Zeit wurde er die rechte Hand seines Schwiegervaters Philipp Hess, der ein Modehaus für Herren- und Knabenbekleidung besaß. Gleichzeitig wurde sein Schwiegervater in den Vorstand der Darmstädter Stadtmission gewählt, war 18 Jahre lang ihr Vorsitzender. Dort war Avemarie von 1922 bis 1924 als nebenamtlicher Geschäftsführer tätig. 1917 hatte er Emilie Hess geheiratet, einzige Tochter seines Schwiegervaters, in dessen Haus er zwei Jahre später einzog. Avemarie war Anhänger des lutherischen Pietismus.

1929 kam er nach Neukirchen…

Rahn …und wurde Leiter einer christlichen Privatschule auf „biblisch-reformatorischem Glaubensgrund“ - nach seinen Worten. Diese Neukirchener Schule war 1906 durch Julius Stursberg gegründet worden, der später auch die Gesamtleitung der „Waisen- und Missions-Anstalt“ übernahm. Avemarie plante den Ausbau der Schule und des angegliederten Internats. Er führte die Koedukation ein und hatte weitere große reformpädagogische Pläne.

Vier Jahre später, 1933, begann eine andere Epoche: Avemarie wurde NSDAP-Mitglied.

Rahn Ja, aber vorher unterstützte er schon die SS als Fördermitglied und erhielt fünf Jahre danach eine silberne Ehren-Plakette.

Wirklich? Später ist er doch vom Sicherheitsdienst (SD), dem Geheimdienst der SS, überwacht worden.

Rahn Stimmt, aber nur teilweise. Nach den Unterlagen von 1939 ging es darum, sachliche Irrtümer der Gestapo Düsseldorf – Außenstelle Krefeld – zu korrigieren. Der Neukirchener Bürgermeister Erich Neumann jedenfalls widerlegte alle Behauptungen Punkt für Punkt und unterstützte seinen Parteigenossen umfassend. Aber von der Gestapo, der politischen Polizei, wurde Avemarie überwacht. Er hat sich immer auf das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 berufen als der „Magna Charta des Nationalsozialismus“. Dort steht im Paragraphen 24 folgender Satz: „Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden.“

Hatte Friedrich Avemarie das Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg denn nicht gelesen, in dem der NS-Chefideologe mit dem Kirchen-Christentum abrechnet, sowohl dem katholischen als auch dem evangelischen?

Rahn Rosenberg nannte die einen „Dunkelmänner“, die anderen „protestantische Rompilger“. Doch, Avemarie hat Rosenbergs Buch gelesen. Er kritisierte ihn mit einer Streitschrift „Der Christ und die Ehre“. Unter diesem Aspekt setzte er sich in Vorträgen und mit seinem Aufsatz mit Rosenberg auseinander wie mehr als 100 andere Kritiker auch. Das war bis 1937 noch möglich. Es gab ja verschiedene religiöse Richtungen in der Partei. Rosenberg ging es in erster Linie darum – nach seinen eigenen Worten –, „das Christentum von jüdischem Einfluss zu säubern“. Friedrich Avemarie war in dieser Hinsicht nicht naiv, auch er spricht „von der „Ausmerze jüdischen Geistes in den Christenherzen“ in einem Aufsatz zur „Christliche(n) National-Erziehung“. Und 1934: „Eine christlich national-politische Erziehungsanstalt müssen wir sein!“ Der Nationalsozialismus war nicht nur eine Ideologie, die Widersprüche zuließ, sondern die Partei förderte interne Auseinandersetzungen, um Spreu vom Weizen zu trennen. Es gab gegen Avemarie sogar ein Parteigerichtsverfahren, das aber nach zwei Jahren eingestellt wurde.

Als der Zweite Weltkrieg 1945 vorüber war, wurde Avemarie aufgrund alliierter Richtlinien zwangsweise aus dem Schuldienst entlassen. Es begannen Entnazifizierungsprozesse. Zu seiner Verteidigung trug Friedrich Avemarie 1947 „grundsätzliche Gesichtspunkte“ vor.

Rahn Das war ungewöhnlich. Er schreibt einen Rechtfertigungsbrief an den Berufungsausschuss und scheut sich nicht, ihn über Sinn und Zweck des Entnazifizierungsverfahrens zu belehren. Dazu behauptete er, sich ab 1935 von der nationalsozialistischen Ideologie vollständig gelöst zu haben. Nur unter dem Deckmantel eines Parteigenossen hätte er für die „christliche Erziehung“ der Schüler wirken können. Der Entnazifizierungsausschuss war offensichtlich der Argumentation seines Rechtsanwalts nicht gewachsen. So wurde Avemarie mit vier zu eins Stimmen als „unbelastet“ eingestuft. Zudem gab es eine Entlastungkampagne für Avemarie mit über 550 Unterschriften, die auch ihre Wirkung gehabt haben mag.

1956 ging er als Schulleiter in den Ruhestand.

Rahn Er bat „aus persönlichen Gründen“ um seinen Abschied, weil er in seine hessische Heimat zurückkehren wollte. Dort übernahm er eine Pfarrstelle. In Falkenstein im Taunus wurde er Seelsorger der Martin-Luther-Gemeinde. Interessant ist ein Beitrag für die evangelische Sonntagszeitung „Weg und Wahrheit“ (1968). Dort wirbt er um Verständnis für die Autoritätskritik der Studentengeneration um Rudi Dutschke.

Im Landratsamt ist eine Ausstellung im Aufbau, in dem auch das Leben von Friedrich Avemarie beleuchtet werden soll.

Rahn Dr. Bernhard Schmidt, Vorsitzender des Moerser Vereins „Erinnern für die Zukunft“, hat mich schon eingeladen. Ob ich aber zur Ausstellungseröffnung aus Süddeutschland anreisen kann, kann ich heute noch nicht sagen. Dass er sich 1945 nach dem Ende der Hitler-Diktatur als „kämpfenden Antifaschisten“ darstellte, hat ihm einen wesentlichen Teil seiner Glaubwürdigkeit genommen. Er steht für jene „Mitläufer“, die dazu beigetragen haben, dass die Entnazifizierung gescheitert ist, weil ihnen die Wandlung „vom braunen Hemd zur weißen Weste“ bescheinigt wurde. Friedrich Avemarie ist eine umstrittene Person. Seine christliche Bekenntnistreue kann man nicht in Frage stellen. Aber dass er sich einst der NS-Propaganda andiente und glaubte im nationalsozialistischen Geist wirken zu müssen, darf man nicht mehr verschweigen.