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Schulgeschichte in Neukirchen-Vluyn: Der Rohrstock war immer dabei.

Schulgeschichte in Neukirchen-Vluyn : Der Rohrstock war immer dabei

Was ist neu? Was blieb gleich? Schüler der Gesamtschule und Senioren tauschten sich im Museum Neukirchen-Vluyn über Abläufe und Erlebnisse ihrer Schulzeit aus.

Eine alte Schultafel, Sitzbänke und eine Lehrerin vor der Klasse – das war der Rahmen für eine kurzweilige „Schulstunde“. „Aufstehen – neben die Bank“, forderte Dominique Walraevens, wissenschatliche Mitarbeiterin des Museums, die 13 Schüler der Gesamtschule vorne auf, die dann „Guten Morgen, Frau Lehrerin“ sagen durften. „Das mit der Begrüßung morgens um acht gibt es heute auch noch“, bestätigte der Gesamtschul-Lehrer Ingwin Charisius, der die Schüler begleitete. „Die Seniorenberaterin der Grafschafter Diakonie, Ulrike van den Berg, hatte im Zuge ihrer Arbeit die Idee gehabt, im Museum einmal zum Thema „Schulgeschichten gestern und heute“ alt und jung zusammenzubringen. Am Ende stellte sie zufrieden fest. „Das hat sich gelohnt – eine runde Sache.“

„So war das früher“, beschrieb Walraevens, wie man vor hundert Jahren und auch noch lange danach nur aufstehen durfte, wenn der Lehrer es erlaubte, während des Unterrichts nicht gelacht und „gequatscht“ werden durfte. „Sonst gab es einen Klatsch auf die Finger. Dann kam der Lehrer mit dem Rohrstock.“ Sauberkeit und Reinlichkeit wurden geprüft. „Man musste die Finger ausstrecken und wenn was nicht sauber war, dann gab es den Rohrstock.“ Walraevens verwies auf die altdeutsche Schrift an der Tafel, die damals üblich war. „Lehrerinnen waren selten, weil ihnen der Beruf oft verwehrt war.“ Als Fächer lernte man Rechnen, Lesen, Schreiben, Leibesübungen. „Und es gab eine Glocke in der Klasse“, sagte sie und nahm eine solche zur Hand.

Um das „Eis“ zu brechen, erzählte Bürgermeister Harald Lenßen von seinem ersten Schultag. „Es war spannend, ich war unvorbereitet. Ich hab immer zuhause mit Freunden gespielt, es gab keine Kita. Ich kam direkt in die Schule, hatte Respekt und war ein lieber Jung. Das hat sich später zum Klassenclown gewandelt“, gab er schmunzelnd zu. Im Anschluss daran schilderte ein Teil der 13 Gesamtschüler, wie sie einen Schultag heute erleben. Der Siebtklässler Felix berichtete, wie er sich morgens mit den Freunden zur Fahrt zur Schule trifft, dass es „bei einigen Lehrern laut ist, weil es keine harten Strafen gibt“, dass man nachsitzen muss, wenn man dreimal die Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Die 13-jährige Melina erzählte, dass Schule heute auch heißt, am Nachmittag zu bleiben, dass „keine Mützen oder Kapuzen“ eine klare Ansage sind. Julian berichtete, dass er drei Tage bis 15.30 Uhr in der Schule ist und dass die Hausaufgaben in der persönlichen Übungszeit (püz) erledigt werden. Leni aus der 8. Klasse machte auf die Arbeit mit den integrativen Kindern, die über Lernschwächen verfügen, aufmerksam Ihnen werde geholfen.

Danach waren die gut ein Dutzend Erwachsenen dran. Die 79-jährige Margret Wermers erinnerte sich daran, „dass man einen Kreidestrich als Belohnung“ erhielt oder auch mal die Schulschelle betätigen durfte, wenn man sich gut betragen hatte. Eine ältere Dame, die früher in Krefeld zur Schule gegangen war, berichtete von 62 Schülern in einer Klasse. „Schlagen gab es nicht mehr. Aber ein böse Lehrerin drückte einen mit dem Finger direkt auf die Oberarmknochen.“ Karl-Ernst Prinz erinnerte sich gerne an seine Schulzeit in Baerl. „Wir bekamen Fleißkärtchen – und hatte man zehn Stück, erhielt man zum Beispiel ein Radiergummi.“ Es gab ein Lesebuch, aus dem in der letzten Stunde immer vorgelesen wurde. „Wir hatten nette Lehrerinnen. Da brachte man auch mal Kuchen mit zum Geburtstag.“ Die Kinder stiegen auf den Gedanken sofort ein: „Wir singen auch mal Happy Birthday, oder der Hausmeister lässt uns in die Klassen, damit wir auf die Tafel „Herzlichen Glückwunsch schreiben“, meinten sie.

Spannend war die Parallele zwischen den Erzählungen, die sich um die Integration der Zugewan-derten aller Art drehten – damals waren es Kinder aus Polen und Masuren, die als Vertriebene aus dem Krieg in den Klassen kamen. Eine Frau – früher Schülerin auf der Diesterweg-Schule – berichtete von einer Schülerin aus Leipzig. „Ich konnte ihr in Deutsch helfen – sie mir in Mathe. Wir waren 44 Jahre zusammen, eine tolle Freundschaft.“ Heute seien es Russlanddeutsche oder Flüchtlingskinder, die über Deutsch-Förderstunden und durch Englisch sprechende Mitschüler Hilfe erfahren. „Die Zuwanderer sind auf alle Klassen verteilt, das klappt ganz gut“, meinte Geschichtslehrer Ingwin Charisius.

Am Ende lud Bürgermeister Harald Lenßen die Schülern ein, mal auf eine Schulstunde ins Rathaus zu kommen. Und alle konnten mit dem Gefühl nach Hause gehen, von den anderen eine Menge aus ihrer Schul-Lebenswelt erfahren zu haben.