Analyse: Niederberg: Fakten und Argumente

Analyse : Niederberg: Fakten und Argumente

Großer Markt? Kleiner Markt? Über den künftigen Einzelhandel für den jungen Stadtteil Niederberg wird derzeit in Neukirchen-Vluyn lebhaft debattiert. Die CDU hat sich wie die Grünen für die eine kleine Lösung ausgesprochen, weil sie Folgen für den Einzelhandel in den Ortskernen fürchten. Widerspruch kommt von den Neubürgern auf Niederberg, die mit einem großen Vollversorger vor der Haustür gerechnet haben. Unser Artikel analysiert die Situation sowie die Einschätzung von Fachleuten lässt auch die RAG als Grundstücksbesitzer zu Wort kommen.

Wie steht die RAG Montan Immobilien als Besitzerin des Geländes zu der Diskussion?

Ralf Hüttemann, Projektentwickler der RAG für Niederberg, äußerte sich gestern so: "Ich möchte kein Öl ins Feuer gießen, aber natürlich ist das Einzelhandelsprojekt Bestandteil der Planung. Auf Niederberg muss ein qualitätsvoller Einzelhandel entstehen, der den Erwartungen der Neubürger entspricht." Hüttemann will sich dabei nicht auf Quadratmeterzahlen festlegen, erklärt aber: "Qualität heißt auch Vielfalt des Sortiments, und dies benötigt eine gewisse Größe. Ich habe Verständnis für die Sorgen mancher Politiker, aber man sollte nicht zu kurz springen."

Was sagt das Gutachten des BBE über die Größen der Einzelhandelsstandorte aus?

Die Kölner Handlungsberatung BBE hatte im Auftrag der Verwaltung im vergangenen Jahr ein Gutachten erarbeitet, das im März 2015 der Politik vorgestellt wurde. Insgesamt befürworten die Experten großen Einzelhandel auf Niederberg und empfehlen zugleich einen großen Vollversorger in Neukirchen. Das Hauptargument: Neukirchen-Vluyn verliere zu viel Kaufkraft an Nachbarstädte. Die Größe des Niederberg-Marktes wird mit bis zu 1500 Quadratmeter beziffert, also deutlich mehr als die vorgeschlagene Beschränkung von CDU und Grünen. Das Gutachten schließt allerdings nicht aus, dass etwa der Edeka-Standort in Vluyn einen "Bedeutungsverlust" erleben könne.

Welche Rolle spielt der Edeka-Markt an der Max-von-Schenkendorff-Straße?

Die Zukunft dieses Marktes ist sozusagen der unbekannte Faktor in der Gleichung. Der Mietvertrag läuft Anfang 2016 aus, viele rechnen mit einer Schließung des Marktes und sehen darin ein Argument für einen großen Niederberg-Markt, der schließlich auch die Kolonien-Viertel bedienen müsse. Eine Schließung des Edeka-Marktes ist jedoch keinesfalls sicher. Der Betreiber habe ihm versichert, er wolle weitermachen, falls Edeka einverstanden sei, erklärte gestern NV-AUF-geht's-Fraktionschef Klaus Wallenstein. Der Betreiber selbst war für unsere Zeitung nicht zu erreichen.

Wie positionieren sich die Fraktionen im Rat von Neukirchen-Vluyn?

CDU und die Grünen wollen, dass der Markt auf Niederberg nicht mehr Verkaufsfläche als 700 Quadratmeter erhält. Die SPD hat sich bislang für die große Lösung ausgesprochen, ebenso wie die Fraktion FDP/Piraten, deren Vorsitzender Norbert Gebuhr gestern im RP-Gespräch über eine "Trinkhalle auf Niederberg" spottete. Die Fraktion von NV AUF geht's plädiert dagegen auch für die kleinere Lösung und sieht in dem BBE-Papier ein "Interessengutachten für die Ruhrkohle AG", so Klaus Wallenstein. Insgesamt gäbe es im Rat also eine Mehrheit für die kleine Lösung. Allerdings hat CDU-Fraktionschef Markus Nacke signalisiert, dass keine handstreichartige Entscheidung in den Gremien geplant ist. Vielmehr wird es weitere Gespräche mit den Beteiligen geben.

Welche Erfahrungen hat man in Kamp-Lintfort mit dem Bau des EK 3 gemacht?

Die Debatte in der Nachbarstadt Kamp-Lintfort vor der Eröffnung des Einkaufszentrums EK 3 im Juli 2012 ähnelte stark der aktuellen Diskussion in Neukirchen-Vluyn. Viele Geschäftsleute in der Innenstadt waren der Meinung, dass zwei große Vollversorger - Real und Kaufland - für den Stadtkern zu viel seien. Diese Befürchtungen haben sich im Großen und Ganzen nicht bestätigt, obwohl es in der Innenstadt einzelne Leerstände gibt. Es wird mittlerweile sogar über einen weiteren Lebensmittelmarkt im Rathaus-Center geredet.

(RP)
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