Neukirchen-Vluyn: Wenn ein Stadtschreiber auf eine Sängerin trifft.

Kultur in Neukirchen-Vluyn : Wenn Tiefgang auf Sprachwitz trifft

Lautes Nachdenken über den Pott: Stadtschreiber Ruhr, Lucas Vogelsang, kam für eine Abschiedslesung zur Alten Mühle in der Dong. Dort traf er auf die Gesprächs- und Musikpartnerin Anke Johannsen.

Er war es, der den Stein ins Rollen brachte: Georg Malarciuc, von Oktober 2018 bis September 2019 Wohnungsnachbar des zweiten Stadtschreibers Ruhr, Lucas Vogelsang, in Mülheim an der Ruhr, der dem ersten Open-Air-Konzert von Anke Johannsens neuem Musik-Album „Wir Zugvögel“ im Mai des Jahres an der Mühle in der Dong (die RP berichtete) beiwohnte – und „total begeistert von ihr und ihrer Musik war“, wie er sagt. Dort lernte er den Hausherren und Initiator dieser schön gelegenen privaten Neukirchener Freiluftbühne kennen, Joachim H. Bürger. Malarciuc, mit den Konzerteindrücken im Gepäck wieder daheim in Mülheim, erzählte seinem prominenten Nachbarn sofort von seinen Erlebnissen am Niederrhein.

Dann nahmen die Idee und die Initiative, jährlich die Abschiedslesung des jeweils aktuellen Stadtschreibers Ruhr hier an diesem Ort in Neukirchen-Vluyn zu veranstalten, ihren Lauf: Joachim Bürger sprach zunächst mit Vogelsang darüber, dann mit dem nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten Ibrahim Yetin, der künftig die Schirmherrschaft dieser Veranstaltungsreihe übernehmen sollte, schließlich mit Anke Johannsen.

Dann trafen sich alle vier und vereinbarten schließlich den 13. Oktober als Auftakt für dieses neue Veranstaltungsformat. „Beobachtungen und Erlebnisse aus zwölf Monaten in der Metropole Ruhr“ hieß die Veranstaltung, die Vogelsang, der sich zu seinem Hauptwohnsitz in Berlin nun noch eine kleine Wohnung in Bochum genommen hat, zwischen der lit.RUHR (8.-13. Oktober) und der Frankfurter Buchmesse (16.-20. Oktober) an den Niederrhein führte. Hausherr und Schirmherr begrüßten das Duo auf der Bühne und die rund 60 anwesenden Gäste im Publikum. Dann begann ein regelrechtes Feuerwerk, wie Anke Johannsen es formulierte, an Sprache und Sprechen.

Lucas Vogelsang, 1985 in Berlin geboren, ist Journalist und Schriftsteller – und ein jeweils erfolgreicher dazu. Deshalb vielleicht auch bewegen sich seine Reportagen so einzigartig zwischen Journalismus und Poesie. Seine Texte haben Tiefgang und Sprachwitz und zuweilen einen Rhythmus, der dem Rap vergleichbar ist. Hier ein paar Beispiele von der Lesung aus dem nagelneuen Magazin „Ruhrgebiete“: „Wir sind hier im Pott, hier wird anständig schlecht geredet“ (Kapitel „Gärten der Welt“, Seite 45) oder „Wo früher auf Asche gespielt wurde, ist heute die Erde verbrannt“ (Kapitel „Das andere Schalke“, Seite 58) oder „Mira, sie war hier mal eine Insel. Das einzige Licht an der Kreuzung, es brannte im Morgengrauen“ (Kapitel „Der Fischer und seine Frau“, Seite 101) oder „Gehen oder bleiben. Sie ging nicht. Sie blieb erst recht“ (Kapitel „Tante Duisburg“, Seite 115).

Dann sang Johannsen den darin erwähnten Song „Schon allein für den Mond“, ein Liebeslied an Duisburg. Dann war Schluss. Doch der Philosoph, Publizist und Schriftsteller Wolfram Eilenberger, der seit Oktober nun der dritte Stadtschreiber Ruhr ist, den die Essener Brost-Stiftung ausgelobt hat, steht schon in den Startlöchern. Bürger hat ihn nämlich über seine Abschiedslesung im nächsten Jahr bereits informiert und dazu eingeladen. Und Eilenberger hat auch schon zugesagt.

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