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Moers: Abriss der Container an der Kornstraße

Abriss der Container an der Kornstraße in Moers : Ein Stück Sozial- und Verkehrsgeschichte

Die Container an der Kornstraße sollen einer Bebauung weichen. Der Moerser Gotthilf Kaus will, dass die Erinnerung erhalten bleibt.

Gotthilf Kaus kennt die Fläche an der Kornstraße, auf der heute – eingerahmt von neuen Wohnhäusern – noch eine Wohnanlage steht, in der einmal Asylbewerber und der Verein „Der Bunte Tisch“ untergebracht waren, seit seiner Kindheit. „Als ich Mitte der 1960er Jahre dort als Schüler mit dem Rad zu Schule gefahren bin, hieß die Kornstraße noch Ulmenstraße“, erzählt der 61-jährige Scherpenberger. „Dort standen einstöckige Baracken. Darin lebten Menschen, die sozial gestrandet waren.“ Die Fläche, sagt Kaus, sei sozial- und verkehrsgeschichtlich interessant. „Jetzt soll sie Bauland werden. Die Stadt Moers hat eine Ausschreibung veröffentlicht, die Containeranlage abzureißen.“

Damit seine Erinnerung an die Fläche nicht verloren geht, hat der Scherpenberger auf der Internetplattform „nebenan.de“ unter „Nachbarschaft Meerbeck-Scherpenberg“ einen Beitrag veröffentlicht. „Von meinen Eltern wurde mir als Kind erzählt, dass diese Baracken ursprünglich von den belgischen Besatzungstruppen nach dem Ersten Weltkrieg genutzt wurden“, erzählt Gotthilf Kaus über das dreieckige Areal, das zwischen der Kornstraße, dem einstigen Bahndamm entlang der Wiesenstraße und der einstigen Birkenhainfläche liegt.

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Später erfuhr er, warum die Belgier, die 1926 abgezogen waren, genau diese Fläche gewählt hatten. Dort befand sich der Ausgangspunkt für den Abtransport der Kohle von Schacht IV über Hochheide zum Hafen in Homberg.

„Die Belgier hatten enge wirtschaftliche Beziehungen zum Rheinland und zum Niederrhein“, sagt Kaus. „Zum Beispiel war das belgische Königshaus über Bankiers der größte Aktionär der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, die ab der Mitte des 19. Jahrhundert die Bahnlinien im Rheinland und am linken Niederrhein baute. So wurden die Belgier mit dem Versailler Vertrag Besatzungsmacht am linken Niederrhein und ließen sich an diesem wichtigen Eisenbahnpunkt nieder. Außerdem hatten sie ein Lager an der Mattheck nahe dem damaligen Verschiebbahnhof Moers.“

Wie die Fläche zwischen 1926 und 1966 genutzt wurde, weiß der Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt Moers nicht. „Als ich Kind war, wurde die Fläche als Sing Sing bezeichnet“, erinnert er sich. Doch anders als im Hochsicherheitsgefängnis in Ossining im US-Bundestaat New York lebten dort keine Schwerverbrecher, sondern Personen, die sehr arm waren. „Wir hatten ein Mädchen in unserer Klasse, die dort wohnte“ blickt der einstige Schüler der Scherpenberger Schule an der Cecilienstraße zurück. „Ich konnte an ihrer Kleidung sehen, wie arm sie war. Wasser gab es in den Baracken nicht. Schon als Kind fand ich es befremdlich, dass die dortigen Bewohner ihr Wasser vor den Behausungen an Wasserhähnen neben den Treppen zu ihren Haustüren zapfen mussten.“ In seinem Beitrag weist Gotthilf Kaus auf die zukünftige Bebauung hin, wenn das Gelände nach über 100 Jahren militärischer und öffentlicher Nutzung in eine private übergehe. Auch wenn der Anreiz entstehen könne, die Bebauung auf die Fläche auszudehnen, auf der einmal ein Birkenhain stand, der „versehentlich“ gerodet worden sei, solle sie begrenzt bleiben. Die gerodete Fläche solle wieder mit Bäumen bepflanzt werden. Außerdem hat er einen Wunsch: „Schön wäre es, wenn mehr über die Moerser Sozial- und Verkehrsgeschichte geforscht würde.“