Landkultur in Neukirchen-Vluyn: Kein Bock mehr auf die Winterwolle.

Landkultur in Neukirchen-Vluyn : Kein Bock mehr auf die Winterwolle

Schafschur bringt 100 Kinder und Senioren im Jorissen-Haus zusammen. Sechs Heidschnucken wurden rasiert.

Um einen ausgewachsenen Schafbock packen zu können, sind schon zwei Männer nötig. 70, vielleicht 80 Kilo wiegt so ein Tier, schätzt Rüdiger Eichholtz. Und gerade jetzt im Mai stehen die Böcke voll im Zenit ihrer ungestümen Manneskraft. Eichholtz weiß, dass er sich in Acht nehmen muss. Denn keines der Wollknäul auf vier Beinen möchte wirklich gerne zur Schur. Bevor Hobby-Schäfer Manfred Borstelmann am Mittwoch seine Schermaschine starten konnte, mussten die Tiere nacheinander auf den Hosenboden gesetzt werden. Erst in dieser Haltung lassen die Heidschnucken das Unvermeidliche über sich ergehen. Erleichtert um vier bis fünf Kilogramm Wolle geht es in den Sommer.

Schauplatz der Aktion im Rahmen der Landkultur: die Wiese hinter dem Seniorenzentrum Matthias-Jorissen-Haus. „Wir wollen Dinge umdenken und kreativ anreichern“, beschreibt der Projektverantwortliche Rüdiger Eichholtz die Basis zu einem der ungewöhnlichsten Termin in diesem Frühjahr. Denn durch die Schafschur will Eichholtz alt und jung zusammenbringen. 30 Senioren aus dem Jorissen-Haus sind gekommen, teilweise gestützt auf Rollatoren oder in ihren Rollstühlen.

Zusätzlich ist es richtig laut hinter dem roten Backsteinbau. Denn auch zwei Kindergartengruppen aus Neukirchen und zwei Klassen der Tersteegenschule wollen sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen. Das Besondere an diesem Morgen: Die Kinder sehen nicht nur, wo der Stoff herkommt, aus dem die Pullover sind. Weil Viktoria Eichholtz tüchtig auf das Brett ihres Spinnrades tritt und zwei Strick-Aktivistinnen von der Neukirchener Dorfmasche ihre Nadeln ordentlich klappern lassen, sehen die Mädchen und Jungen gleich die gesamte Produktionskette. Bis hin zu warmen Socken und Pullovern, die die Dorfmasche als fertige Endprodukte mitgebracht hat.

Jedes Mal, wenn die übermütigen Böcke ihre Hörner senken und aufeinander krachend einander klar machen, wer hier der Stärkere um Pferch ist, gibt es einen Kinder-Aufschrei. Die Senioren lächeln. So viele Kinder auf einmal sind selten zu Gast in ihrem Altenzentrum. Alle zusammen wollen die noch dick eingepackten Heidschnucken mal streicheln. Und staunen darüber, dass sich die kahl geschorenen Tiere nicht wiederzuerkennen scheinen. Sie müssen sich erst einmal gegenseitig beschnuppern, um sich als Weidegefährten wieder zu erkennen. „Aus unserer Sicht war die Aktion ein voller Erfolg – und zwar in mehrfacher Hinsicht“, sagt Rüdiger Eichholtz.

Die Kinder aus Neukirchen sahen live, wie die Wolle vom Schaf über das Spinnrad zu den Stricknadeln kommt, wo sie von flinken, kundigen Damen verarbeitet werden. Die Senioren erfreuten sich an einem quicklebendigen Vormittag. Die sechs Heidschnucken sind nun fit für den Sommer. Und die Damen der Dorfmasche haben ordentlich Wolle zur weiteren Verarbeitung. Mehr Landkultur geht kaum.

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