Katholische Frauen in Rheurdt protestierten gegen Missbrauchsfälle vor St. Nikolaus.

Katholische Frauen fordern mehr Licht ins Dunkel der Missbrauchsfälle : Rheurdt: Taschenlampen-Protest vor dem Kirchenportal

Es ist vielen Katholiken bitter ernst: Sie fordern bei einer Klageandacht, Licht ins Dunkel klerikaler Missbrauchsfälle zu bringen.

Treffpunkt ist die St. Nikolaus-Kirche. Es ist kurz vor 18 Uhr, als aus verschiedenen Richtungen rund 20 Menschen kommen, um sich vor der Kirche zu versammeln. Schnell ist ein Tisch mit Info-Material aufgebaut. Die Teilnehmenden lassen die Lichtkegel ihrer Taschenlampen die Kirchmauern hochwandern, leuchten Ecken aus, setzen die Kirche als Tatort ins Szene.

Die Katholische Frauengemeinschaft (kfd) im Ökodorf macht mit dem symbolischen Akt mobil und prangert an. Sie nimmt an der bundesweiten Aktion einer Klage-Andacht zum Missbrauchsskandal teil, die kfd-Teamsprecherin Marlies Mölders bei abendlicher Kälte auf dem Kirchplatz verliest. Persönliche Betroffenheit, Fassungslosigkeit, Wut und Entsetzen über die Gewaltverbrechen werden in der Klage-Andacht über den jahrzehntelangen klerikalen Missbrauch an Schutzbefohlenen zum Ausdruck gebracht. Ins Visier geraten dabei auch diejenigen, die darum wussten und nicht einschritten. Täter und Mittäter wurden gedeckt, die Opfer als unglaubwürdig in der Öffentlichkeit dargestellt. Nicht die bleibenden Leiden der Opfer standen im Vordergrund, sondern die Institution Kirche in ihren Macht- und Abhängigkeitsstrukturen.

„Zu viel liegt im Argen“, so das Fazit von Teamsprecherin Marlies Mölders. In erster Linie geht es um die Aufklärung der Missbrauchsfälle. Eine Studie hatte die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben und im September öffentlich gemacht. Transparenz verlangt die Frauengemeinschaft, will Licht ins Dunkle bringen und den Opfern eine Stimme geben. „Ganz wichtig ist uns die Botschaft, wir stellen keine Geistlichen unter Generalverdacht. Wir erwarten, dass die Bischofskonferenz, die im Frühjahr tagt, sich erneut und umfassend mit dem Thema auseinandersetzt.“

Nicht nur der Missbrauch von Schutzbefohlenen treibt die Rheurdterinnen um. Die Aktion „MachtLichtAn - Erneuert die Kirche“ stellt mit einer bundesweiten Postkartenaktion weitere Forderungen auf. Eine Anlaufstelle mit einem unabhängigen Missbrauchsbeauftragten soll geschaffen werden. Weiter heißt es, „den verantwortungsbewussten und befreienden Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität in Ausbildung, Lehre und Katechese zu stärken.“ Die Postkartenaktion endet mit der Aufforderung an die Deutsche Bischofskonferenz, sich für eine strukturelle Erneuerung der Kirche einzusetzen. Verkrustete Machtstrukturen sollen gesprengt werden.

Heinz-Gerd Verholen und Franz Ingendahl unterstützen die Aktion, zeigen mit Flagge. Der Vertrauensverlust sei enorm, der Glaube erschüttert. „Davon ist die ganze Kirche betroffen“, sagen sie. Dass diese bundesweite Aktion Signale setze, begrüßen sie. „Anders geht es nicht. Der Druck muss von unten kommen, damit sich oben etwas verändert“, so ihr Standpunkt. Die kfd mit bundesweit 450000 Mitgliedern ist längst nicht mehr die gesellige Gemeinschaft, wie die Aktionen Equal-Pay-Day, Fairtrade oder die Forderung nach dem Diakonat der Frauen zeigen.

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