In Neukirchen-Vluyn suchen Einwohner nach Ideen gegen den Verkehrskollaps.

In Neukirchen-Vluyn suchen Einwohner nach Ideen gegen den Verkehrskollaps : Rathaus-Workshop: Mobilität beginnt im Kopf

Drei Dutzend Bürger, Politiker, Vereinsvorstände und Unternehmensvertreter arbeiten am Verkehr der Zukunft für Neukirchen-Vluyn.

Mobilität beginnt im Kopf. Denn Klimaschutz hat viel mit persönlicher Verhaltensänderung zu tun. Also muss jeder Einzelne ran und manchmal sogar – welch ein Schock ! – lieb gewonnene Gewohnheiten ablegen. Für Politik und Verwaltung ist das jedoch kein Freifahrschein. Denn immer noch kreist die Stadtplanung viel zu sehr um das Auto, sind Buslinien nicht und nur schlecht aufeinander abgestimmt, bleibt das Radwegenetz ein Flickwerk. Das sind die Erkenntnisse, mit denen 36 Menschen an diesem Mittwoch das Rathaus verlassen – irgendwann nach 20 Uhr. Drei Stunden lang haben sie sich bemüht, frische Ideen im Kampf gegen den täglichen Verkehrskollaps zu finden.

Der Workshop mit Politikern, Verwaltungsbeamten, Vereinsvertretern, Schülern und Umweltschützern war der nächste Schritt auf dem Weg zum Mobilitätskonzept. Bis März/April 2019 will Verkehrsexperte und Ingenieur Hans-Rainer Runge damit fertig sein, vor den Sommerferien könnte die Politik den Generalfahrplan für die Stadt beschlossen haben. Wenn‘s denn klappt...

Den Rahmen setzt Verkehrswissenschaftler und Raumplaner Martin Randelhoff mit einer Ermahnung: „Denken Sie groß, nicht zu sehr im Klein-Klein!“ Das ist mehr als bloß eine Floskel, wie sein nächster Hinweis zeigt: „Was Sie heute planen, wird 2025 Wirklichkeit.“ So seien zum einen die Entscheidungs-, Planungs- und Bauzeiträume. Zum anderen würde ein heute gekauftes Auto im Schnitt achteinhalb Jahre lang genutzt – bevor die nächste große Investitionsentscheidung anstünde.

Dann dreht sich alles um Schülerin Lara, Rentner Herbert, Pendlerin Miriam und Unternehmer Matthias. Diese vier fiktiven Personen stehen für die Mobilitäts-Anforderungen der Neukirchen-Vluyner. Zu jedem der vier Charaktere gibt es einen Mustertagesplan mit allen anstehenden Fahrten. 30 Minuten lang brüten, diskutieren und knobeln die Workshopteilnehmer in Arbeitsgruppen an Verbesserungsvorschlägen für diese vier Muster-Mobilen. Dann wird gewechselt, zweite Runde.

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Am Ende geht Verkehrsexperte Hans-Rainer Runge mit einer Fülle von Ideen nach Hause. Darunter sind auch radikale Ansätze. Zu Unternehmer Matthias mit einem Bioladen in Vluyn sagen beispielsweise die Schüler: „Er sollte den Laden ganz aufgeben – und seine Biowaren direkt den Kunden liefern.“ Für Pendlerin Miriam wird eine neue Art Schnellbus gefordert. Die Verbreiterung der A57 solle für eine reine Busspur genutzt werden, auf der ÖPNV-Nutzer mühelos, zuverlässig und pünktlich an allen Autobesitzern vorbeirauschen könnten.

Es geht aber auch eine Spur realitätsnäher. Zuverlässige, pünktliche Verbindungen, Haltestellen mit Mieträdern und Car-Sharing-Fahrzeugen, WLAN in den Bussen – das wäre was, um Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Warum fahren Schnellbusse nur Richtung Duisburg und keiner gen Krefeld oder Düsseldorf? N-V ist nun einmal eine Pendlerstadt. Warum – so eine häufige Frage – warum machen es einem die Verkehrsbetriebe so schwer, ohne Auto mobil zu sein? Am Ende wird die Digitalisierung den Stau auflösen – hoffen manche.

Für die vier Mustercharaktere bleiben unterm Strich diese Ratschläge: Schülerin Lara und Rentner Herbert sollten viel mehr das Fahrrad nutzen oder zu Fuß gehen. Pendlerin Miriam soll ihren Arbeitgeber in Düsseldorf nach einem Jobticket fragen und nach der Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten. Die Lösung für Bioladenbesitzer Matthias stand am Mittwoch vor dem Rathaus: ein weißer elektrogetriebener Kleinlaster, der ab sofort vom Bauhof bewegt wird.

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