Analyse: Es menschelt mächtig im Wahlkampf

Analyse : Es menschelt mächtig im Wahlkampf

Bürgernah, sympathisch, zum Gernhaben, so präsentieren sich die Bürgermeisterkandidaten. Wer geht souveräner zu Werke?

Neukirchen-vluyn "Ich unterstütze Harald Lenßen, weil er sympathisch ist", erklärt Anja Gies. Sie gehört zu jenen Neukirchen-Vluynern, die zurzeit auf der Wahlkampfseite des CDU-Bürgermeisters als "Testimonials" erscheinen. Das ist ein Begriff aus der Werbesprache und heißt so viel wie "Zeugen". Die CDU hat Bürger gebeten, zu erklären, warum sie Harald Lenßen für ein besseres Stadtoberhaupt halten als seinen Herausforderer Jochen Gottke. Das tun sie unter anderem, weil sie "ihm vertrauen", weil er "gute Ideen" hat, weil er "vielseitig ist" und "weil er Optimismus ausstrahlt".

Ausstrahlen möchten beide Kandidaten in diesen Tagen vor allem eines: Bürgernähe. Auch SPD-Kandidat Jochen Gottke sucht bei vielen Gelegenheiten den Kontakt zu den Menschen. Auf seiner Facebook-Seite können Bürger eine Art Wahlkampf-Tagebuch verfolgen. Da zeigt sich der Sozialdemokraten etwa mit einem SPD-Stand am Rande des Dong Open Air und stößt mit Metal-Fans auf ein Bierchen an. Die Botschaft ist klar: Hier ist ein Mann ohne Arroganz und Abgehobenheit, eben einer, dem nichts Menschliches fremd ist.

Es menschelt mächtig im Neukirchen-Vluyner Wahlkampf. Das liegt in der Natur der Sache, es geht um eine Entscheidung zwischen zwei Personen, weniger um Parteiprogramme. Natürlich haben beide Kandidaten inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte, aber es ist kein Geheimnis, dass der Wähler oft schlicht nach Bauchgefühl sein Kreuzchen macht. Doch auch ein sympathischer Bürgermeister wird sich vielleicht eines Tages gezwungen sehen, Steuern zu erhöhen oder Anliegerbeiträge zu kassieren. Dann droht der "Vertrauensverlust", der aus Bürgern Wutbürger macht, die "menschlich zutiefst enttäuscht" sind. Die Emotionalisierung der Politik hat ihren Preis.

Erst seit dieser Woche steht fest, dass es bei zwei Kandidaten bleibt, die Plakatierung lässt noch auf sich warten, der Wahlkampf findet derzeit also vor allem online statt. Und obwohl Harald Lenßen nach eigenem Bekenntnis mit dem Netz etwas fremdelt, wirkt sein Auftritt derzeit überzeugender. Jochen Gottke kann zwar mit seinem Facebook-Tagebuch sehr flexibel reagieren. Doch die Einträge nach dem Motto "Bei dieser Feier war ich auch", meist begleitet von einem Chor anfeuernder Kommentare, drohen gelegentlich ins unfreiwillig Komische zu kippen.

Fairerweise muss gesagt werden, dass Harald Lenßen als Bürgermeister mehr Möglichkeiten hat, Präsenz zu zeigen, denn er wird per se als Amtsinhaber zu vielen Terminen eingeladen.

Sein Herausforderer muss da aus der Not eine Tugend machen und auch mal eine Grillparty auf Facebook posten. Es gibt einen Bonus für Amtsinhaber.

Inhaltliche Auseinandersetzungen sind bislang selten. Jochen Gottke legte da vor, mit einer Pressemitteilung, in der er die Verdienste der SPD für den Haushaltsabschluss 2015 hervorhob.

Natürlich muss der Herausforderer angriffslustiger sein als sein Mitbewerber. Doch mit dem allzu üppigen Selbstlob erntete er deutlichen Widerspruch, auch von der gemeinsamen Fraktion FDP/Piraten. Gottke keilte zurück. Und nun gehört Jochen Lobnig, Ratsherr der Piraten, zu den "Testimonials" auf Lenßens Webseite. So kann man mögliche Partner vergrämen, bevor der Wahlkampf in die heiße Phase kommt.

(RP)
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