Erdogan-Kritiker: Plötzlich war ihr altes Leben weg.

Neukirchen-Vluyn : „Wir haben hier in Deutschland große Gastfreundschaft erlebt“

Auf der Flucht vor dem Regime von Erdogan: Ein Akademiker-Paar und ihre beiden Töchter preisen ihre neue Heimat in Neukirchen-Vluyn. Hier wollen sie sich nun ein neues Leben aufbauen.

Nur der türkische Mokka ist ihnen geblieben. Und die Erinnerungen – die guten ebenso wie die, die einen des Nachts hochschrecken lassen. „Wir sind sehr dankbar für die große Gastfreundschaft hier in Deutschland“, sagt Osman Handan (Name geändert, d.Red.). Im vergangenen halben Jahr konnten er, seine Frau und seine beiden Töchter zur Ruhe kommen. Endlich.

Denn in der Türkei gelten sie als Terroristen. Der Vater saß ein Jahr lang ohne Prozess in einem Gefängnis. Die Mutter trug zeitweise elektronische Fußfesseln. „Dabei haben wir nie auch nur eine Waffe in der Hand gehabt.“ Ihr einziges Vergehen sei gewesen, an den falschen Stellen zu schweigen; nichts zu sagen, anstatt sich laut und überschwänglich zum Regime des Recep Tayyip Erdogan zu bekennen. Zuträger der Regierung schrieben das alles auf. So gerieten der Professor für Ingenieurwissenschaften und die angehende Professorin für Volkswirtschaft auf die Terrorliste, sagen sie.

Das veränderte alles. Fünf Tage nach jener Putsch-Nacht vom dem 15. auf den 16. Juli 2016 in der Türkei verloren sie ihr altes Leben. Die Universitätsstellen, die Autos, das Haus, die Privatschule für die Kinder – alles weg. Stattdessen setzte es schwerste Anschuldigungen, weil die Namen der Akademiker auf der Liste standen. Sie wurden verhört, Osman Handan eingesperrt. Aus Angst, selbst mit in den Strudel gerissen zu werden, riefen die Freunde nicht mehr an. In dieser Zeit half nur noch die Familie.

Für sie schildert Osman Handan seine Zeit im Gefängnis immer noch als positiv. Zahlreiche Universitätskollegen habe er da getroffen. Man habe sich gegenseitig geholfen. Dass er sechs Monate lang auf dem Zellenboden schlafen musste und während der Haft kein Buch lesen durfte, nicht einmal den Koran, verrät er erst auf Nachfrage. Nach dem Jahr in Haft, beschuldigte ihn ein Richter immer noch, ein Terrorist zu sein. Aber das reichte nicht, um ihn weiterhin einzusperren.

Über die Nordgrenze floh Osman Handan mit seiner Familie nach Griechenland. Anfang Dezember landeten sie in Deutschland. Von der Flüchtlingsaufnahme in Unna Massen kamen sie zunächst nach Euskirchen und im April nach Neukirchen-Vluyn. Polizisten, Schuldirektoren, Mitarbeiter der Diakonie, selbst die Sachbearbeiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BAMF, hätten ihnen stets geholfen. Osman Handans Frau sagt, was sie derzeit am meisten an Deutschland schätzt: „Hier sind vor dem Gesetz alle gleich. Wir und Frau Merkel – da macht niemand einen Unterschied.“ Wer das über Jahre anders erlebt hat, reagiert sensibler auf solche Unterschiede als jene, die das als ihre Normalität kennen.

Die will sich die Familie in Neukirchen-Vluyn nun Schritt für Schritt wieder aufbauen. Osman Handan hat eine Stelle gefunden – an einer NRW-Universität. Gemeinsam lernen sie Deutsch. Und schützen sich gegenseitig vor dem langen Arm Erdogans, der bis nach Deutschland reicht. „Ich gehe hier in keine Moschee“, sagt Osman Handan. Dort fragen sie einen aus, woher man kommt und warum man jetzt hier ist. Als ein Freund hier in Deutschland zuviel erzählte, wurden wenige tage später die Kinder vom Spielen ausgeschlossen. Dieser Enge sind sie gerade erst mit viel Mühe entkommen.