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Einer der ersten NS-Bürgermeister Preußens kam aus Neukirchen-Vluyn.

NEUKIRCHEN-VLUYN : Wie die Nazis Fuß fassten in der Stadt

Gut besuchte Sonderführung von Krista Horbrügger mit zahlreichen Details zu den damaligen NS-Umtrieben.

Was hat die Nationalsozialisten in der Stadt so früh so stark gemacht? Dieser Frage ging jetzt im Rahmen einer Führung durch das Museum in Vluyn die Historikerin Krista Horbrügger nach. Die Führung war mit rund 60 Zuhörern sehr gut besucht.

Krista Horbrügger hat hat dazu im Buch „Moers unter dem Hakenkreuz“ ihre Erkenntnisse veröffentlicht. Schon Mitte der 1920er baute sich eine NSDAP-Ortsgruppe auf. „Bereits 1928 regierte in Neukirchen-Vluyn mit Erich Neumann einer der ersten NS-Bürgermeister in Preußen“, so Krista Horbrügger. Bereits fünf Jahr vor der der sogenannten „Machtergreifung“ hatte er in der rund 10.000 Einwohner starke Gemeinde die Weichen gestellt. Das frühe Fußfassen des Nationalsozialismus sei typisch für protestantisch-ländliche Gegenden, so Horbrügger. Von Wahl zu Wahl gewann die NSDAP an Stimmen, der Rechtsruck war nicht mehr aufzuhalten, wie die Wahl am 12. März 1933 mit der absoluten NSDAP-Mehrheit vor Ort zeigt. Am 30. März folgte die Gleichschaltung aller Organisationen. „Begeistert“ für die „nationalsozialistische Idee“ und „dankbar“ für „die Errettung des deutschen Volkes und Vaterlandes“, so die offizielle Formulierung, trug die Gemeinde Neukirchen-Vluyn im Juni 1933 Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft an.

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Bis 1945 blieb Erich Neumann im Amt und wurde dann entnazifiziert. Nach Kriegsende erfolgte umgehend die Streichung Hitlers aus der Liste der Ehrenbürger. 1983 bestätigte nochmals der Stadtrat auf einen Bürgerantrag hin die Aufhebung der Ehrenbürgerschaft. Vom Alltagsleben und dem Bild der Frau unter dem Hakenkreuz berichtete Krista Horbrügger ebenfalls. Exponate wie Volksempfänger, „Mein Kampf“ wie auch die BdM-Kluft und das „Landjahr“ kamen zur Sprache. „Das Landjahr ist nicht zu verwechseln mit dem Pflichtjahr. In den Ort kamen 1936 für acht Monate 60 Mädchen aus Bitterfeld, die auf den Höfen mithalfen“, so Horbrügger. Von ihrer Grundstimmung berichteten die Teilnehmerinnen Jahrzehnte später bei einem Besuch. Die NS-Ideologie sei den jungen Frauen damals unwichtig gewesen.

Dunkel das Kapitel der Verfolgten und Benachteiligten in der Volksgemeinschaft. Menschen mit körperlichen und geistigen Handicaps wurden als „erbkrank“ zwangssterilisiert. Verfolgt und ausgeschlossen wurden ebenfalls zwei jüdische Familien, Kaufmann und Coppel. Zwei Stolpersteine vor dem Gebäude der Volksbank Niederrhein erinnern an die Familie Kaufmann.

Zum Kapitel der NS-Geschichte gehören die 1500 Zwangsarbeiter, die in der Landwirtschaft und größtenteils auf der Zeche Niederberg arbeiteten. Das Modell des Zwangsarbeiterlagers an der Holtmannstraße gibt einen Eindruck. „1,7 Quadratmeter für eine Person. Die Arbeit auf der Zeche war hart. Teilweise arbeiten sie barfuß. Sie litten ewig Hunger“, so Horbrügger. Gedenktafel auf dem Stadtgebiet erinnern heute an die Schicksale der größten Opfergruppe. Wie mit der NS-Vergangenheit und den Weltkriegen umgegangen werde, sei aktuell an den Volkstrauertagen zu erleben. Statt zu schweigen, wird geredet. „Wir müssen das Phänomen erklären und erläutern, weil wir heute ein neues politisches Bewusstsein haben“, so Horbrügger.