Neukirchen-Vluyn: Ein "Sozialplan" für gekündigte Mieter

Neukirchen-Vluyn: Ein "Sozialplan" für gekündigte Mieter

Ein Rechtsanwalt beantwortete im Kirchtreff Heyermann Fragen von Mietern der Nau-Bauten. Der neue Eigentümer hatte ihnen überraschend zum 31. März gekündigt. Stadt und Treff 55 wollen den Betroffenen gemeinsam helfen.

Das Heyermann-Haus an der evangelischen Dorfkirche in Vluyn platzte Dienstagabend beinahe aus allen Nähten. Die Mieter der Nau-Bauten, denen zum 31. März durch den neuen Besitzer, Familie Olbrich, wegen umfangreicher Sanierung gekündigt worden war, nutzten die Möglichkeit, sich über die rechtliche Lage bei Rechtsanwalt Christoph Nüsse zu informieren. Organisiert wurde die Veranstaltung im Auftrag der Stadt vom "Treff 55", den die Grafschafter Diakonie am Vluyner Nordring betreibt. Die Einrichtung ist ebenfalls von dem Sonderkündigungsrecht betroffen.

Anders als unlängst im Hauptausschuss, wo erboste Mieter teils laut und undiszipliniert auftraten, ging es bei der Info-Veranstaltung eher ruhig zu. Von vornherein hatte Anneke van der Veen, Leiterin des Treffs 55, rund eine Stunde für den Austausch angesetzt. "Wir werden Ihnen keinen Vortrag zum Mietrecht halten. Wir wollen Ihnen helfen. Der Zug wird an Fahrt aufnehmen", kündigte sie an.

Über den Treff 55, der soziale Beratungen und einen Mittagstisch für Kinder anbietet, wurde bereits der Entwurf eines Maßnahmenkatalogs als eine Art Sozialplan erarbeitet. Er soll grundsätzliche Fragen wie Mieterumgang, Umzugskosten, Entschädigungs- und Kautionsfragen klären. Dieser Entwurf wurde Dienstag im Rathaus abgegeben und wird derzeit geprüft, um in Kooperation mit der Stadtverwaltung und einem Arbeitskreis eine Klärung herbeizuführen, wie gestern Stadtsprecher Frank Grusen bestätigte. Bürgermeister Lenßen hat mit dem neuen Eigentümer für Ende Januar einen Gesprächstermin vereinbart. Zudem sind die Fraktionen beteiligt. Es wird eine Sondersitzung des Sozialausschusses geben. Nicole Hein, ebenfalls Mieterin am Nordring, will Anfragen der Betroffenen, beispielsweise bei Arge und Sozialamt, koordinieren, verbunden mit einer Unterschriftensammlung. Von Mieterseite wurde der Wunsch nach einer etappenweisen Sanierung geäußert, bei der, je nach Sanierungsfortschritt, die Mieter in ihre ursprünglichen Wohnungen zurückziehen könnten.

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Auch Peter Heß vom Mieterschutzbund war Gast der Veranstaltung im Kirchtreff Heyermann. Er riet den Betroffenen von einzelnen Aktionen ab. Vielmehr sollten sie ihre Rechte als Gemeinschaft wahrnehmen. Die Massenkündigung sei in dieser Form ein eher seltenes Phänomen. Wie groß die Sorge in diesem Kreis ist, offenbarte sich schon nach den ersten Wortbeiträgen. Die Angst, ohne Wohnung plötzlich auf der Straße zu stehen, ließ stellenweise die Emotionen aufbrodeln. "Wo sollen wir denn hin?", wurde mehrfach gefragt. Die Ersatzwohnungen am Kiefernweg, die den Mietern angeboten wurden, seien in einem desolaten Zustand, der noch schlimmer als auf dem Vluyner Nordring beschrieben wurde. Bezweifelt wurde, ob sie in so kurzer Zeit saniert werden können und ob sie bezahlbar seien.

Auch die Lage der Ersatzwohnungen, weit ab von Geschäften, Ärzten und Apotheken, wurde moniert. "Der Kiefernweg liegt für Menschen mit Rollatoren und Handicaps am Ende der Welt", hieß es. Vor allem fehle Wohnraum für Alleinstehende. Bislang, so der Stand am Dienstagabend, hätten nur sechs Mieter ihr Interesse an neuem Wohnraum angemeldet. "Wir müssen uns bewerben. Ob wir die Wohnung dann auch kriegen, ist nicht sicher", mutmaßte eine Frau. Rechtsanwalt Nüsse riet, in jedem Fall Widerspruch gegen die Kündigung einzulegen.

Für Verwirrung sorgen aktuell Aussagen, dass nicht alle Mieter von Kündigungen betroffen seien. Anneke van der Veen sprach von "immer mehr verwirrenden Informationen", die verständlicherweise für Unruhe sorgten.

(sabi)
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