Der Schaephuysener Schaf-Flüsterer mit der ruhigen Stimme

Rheurdt : Der Schaf-Flüsterer mit der ruhigen Stimme

Bei Schäfermeister Uwe Girndt in Rheurdt bietet der Stall der Herde an Weihnachten und zum Jahreswechsel Schutz. Wenn es draußen laut wird, setzt sich Girndt zu seiner Herde und spricht beruhigend auf sie ein. Das hilft.

Uwe Girndt ist Schäfer mit Leib und Seele. 70 Mutterschafe leben mit den älteren Lämmern rund um den Pottbeckershof an der Tönisberger Straße in Schaephuysen. Im Januar beginnen die Mutterschafe erneut zu lammen. Die wolligen Vierbeiner sind eine Kreuzung aus Milch- und Texelschaf „und wesentlich vitaler und robuster“, sagt Schäfermeister Girndt. Das wegen seiner lockigen Wolle angesagte Gotland-Schaf gilt als der Porsche unter den Rassen.

Seit einigen Jahren genießt der Grabungsleiter, der Ausgrabungen um Krefeld-Linn koordinierte, seinen Ruhestand. „Ich frage mich heute oft, wie ich damals die Arbeit und die Schafhaltung unter einen Hut gekriegt habe“, sagt der 69-Jährige. Er praktiziert die Koppelhaltung, bei der zehn Mutterschafe einen Hektar brauchen. Auch wenn die Schafhaltung nicht anspruchsvoll ist, Urlaub war nie drin. Das Scheren Ende Mai ist nur ein Teil der Arbeit. Intensive Versorgung brauchen die Tiere, wenn sich aufgrund von zu feuchtem Untergrund und durch Bakterienbefall an den Vorderklauen die Moderhinke entwickelt.

Trocken, mit viel Stroh und immer ausreichend Futter und Wasser – so haben es Schafe gern. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Etwa 100 seiner Tiere verbringen den Sommer am Schwafheimer Meer. Mit dem Hänger fährt er sie nach und nach ins Naturschutzgebiet. Dort machen die Schafe, was sie hervorragend können: Die Vegetation kurz halten und den Boden verfestigen. Klar, dass Girndt auch Lieblingsschafe hat. „Mich stört es, wenn die Leute vom ‚dummen Schaf‘ reden. Schafe sind intelligent und verfügen über ein enormes Gedächtnis“, sagt Girndt, der durchaus von der Faszination Schaf spricht. „Schafe wirken sehr beruhigend.“

Auch wenn der wollige Vierbeiner in sich ruht, gibt es Dinge, die ihn stören und beängstigen. „Hitze, Regen und Schmuddelwetter können sie nicht ab. Da gehen sie von alleine in den Stall, der daher immer offen ist.“ Panisch reagieren sie auf Hunde, die außerhalb der Kontrolle ihres Besitzers anfangen zu hetzen. Die Tiere geraten in Panik, alle sind auf der Flucht. Girndt: „Das Schaf ist ja ein Herdentier.“

Das Thema Wolf am Niederrhein sieht er sehr entspannt, vorausgesetzt, dass es eine gesunde Wolfspopulation bleibt. „Eine positive Entwicklung für den Naturraum“, sagt Girndt, dem man den Spitznamen „Lupo“ gab. Ob Wolf oder Hund, beide Vierbeiner bringen für die Schafe Unruhe, die sich oft erst nach Monaten lege. „Man muss die Schafe dann auf einen anderen Platz bringen“, so seine Erfahrung. Langsam vergessen die Schafe dann, was ihnen zugestoßen ist. Turbulent wird es nochmals in der Silvesternacht, wenn die Raketen blitzen und die Böller krachen. Dann bietet erneut der Stall mit dickem Stroheinstreu Schutz.

Girndt arbeitet mit allen Tricks. Am Mittag verwöhnt er seine Tiere mit Leckereien und holt sie früh in den Stall. „Meist werden die ersten Versuchsböller schon früh gezündet“, so Girndt. Die Stalltür macht er dann zu, im Stall brennt das Licht. Unmittelbar vor dem Jahreswechsel gesellt sich der Hirte zu seinen Tieren. „Dann rede ich mit den Schafen und beruhige sie. Sie kennen meine Stimme. Das hat in all den Jahren immer gewirkt. Schafe brauchen Aufmerksamkeit“, sagt Girndt, der 2019 doch gerne ein paar Tage Urlaub machen würde. Vorausgesetzt, jemand übernimmt seine Schäferrolle und kümmert sich um die Tiere.

Mehr von RP ONLINE