Beigeordneter in Neukirchen-Vluyn schreibt Schacherzählungen.

Neukirchen-Vluyn : Zwischen Rathaus und Rochade

Ulrich Geilmann ist der Technische Beigeordnete von Neukirchen-Vluyn. Seit seiner Jugend spielt er Schach und engagiert sich als Funktionär. Nun schreibt er über Großmeister.

Diese Welt ist schwarz und weiß. Und klar umrissen: Alles spielt sich in einem Viereck von acht mal acht Feldern ab. Ist Schach Weltflucht oder Brennglas für alles, was der menschliche Geist zu leisten vermag? Ulrich Geilmann überlegt kurz: „Es ist beides zugleich.“ Der technische Beigeordnete der Stadt Neukirchen-Vluyn führt ein Doppelleben mit Damen und Königen. Von Amts wegen kümmert er sich um Großbaustellen, seine Leidenschaft kreist um Großmeister. Seit zwei Jahren schreibt Geilmann Schacherzählungen, Romane. Buch Nummer vier und fünf sind just in Vorbereitung.

Lektor Hubert Quirbach aus Koblenz hat bereits geschimpft mit seinem Autor: „Bei diesem Schreibtempo machst Du Dir nur selber Konkurrenz. Es macht ökonomisch keinen Sinn, alle Vierteljahre ein Buch herauszubringen.“ Quirbach seufzt am Telefon. Genutzt habe die Ermahnung wohl wenig. „Ulrich sprudelt geradezu vor Einfällen.“ Es sei ein sehr angenehmes Lektorat, denn dieser Autor mache sich viele Gedanken und verstehe es, mit der Sprache umzugehen.

Und mit Springer, Läufer, Dame und König. Seit seiner Jugend spielt Ulrich Geilmann, Jahrgang 1963, Schach. In seinem Verein wurde er Meister; regionale Turniere kitzelten den Ehrgeiz. „Doch dann musste ich meine Grenzen erkennen“, sagt der Schachkenner. Er hat seine Organisations- und Führungsfähigkeiten in den Dienst des deutschen Schachs gestellt. Ulrich Geilmann engagiert sich als Vize-Vorsitzender in der deutschen Schachbundesliga mit eigentlich 16, derzeit 15 Mannschaften. „Wenn ich sehe, auf welch hohem Niveau da die jungen Leute spielen, war die Entscheidung für die Funktionärsebene genau richtig.“

Schon früh kreuzte Alexander Alexandrowitsch Aljechin (1892-1946) das Brett des jungen Ulrich Geilmann. „Da orientiert man sich an den Schachweltmeistern.“ Aljechin, die Nummer vier in der ewigen Liste, gilt menschlich als schwierig, beim Schach aber als Genie. Geboren zur Zarenzeit als Kind privilegierter Eltern, Soldat in den Weltkriegen eins und zwei, Opfer der Oktoberrevolution, Kollaborateur bei den Nazis. Und ein begnadeter Schachspieler: Aljechin gewann 62 von 87 Turnieren; verlor nur knapp zehn Prozent von 1862 Turnier- und Wettkampfpartien. Der Russe war ein Angriffsspieler und steckte voller Überraschungen für seine Gegner – am Turniertisch wie im Leben.

„Ich wollte wissen, wie und warum jemand so wird…“ sagt Geilmann über die Anfänge als Schach-Schriftsteller. Dicht am biographischen Gerüst erzählt Geilmann über den zunächst bewunderten, dann aber nach einem Traktat über das jüdische und das arische Schach von der Gemeinschaft verstoßenen Aljechin bis hin zu dessen Tod im portugiesischen Estoril. Schachgroßmeister Rustem Dautow schreibt im Vorwort über den Autor Geilmann: „Er scheute sich auch nicht, die dunklen Tage auszuleuchten und pendelt hier geschickt zwischen nötiger Distanz und Empathie.“ Partiefragmente und Stellungsskizzen begleiten die Romanerzählung – so dass auch auf Schach und Matt orientierte Leser auf ihre Kosten kommen. Ulrich Geilmann sieht es nüchtern: „Aus dieser Geschichte kann man eine Menge machen.“

Das Bangen und Glück des Erstlings-Autors darüber, einen Verlag für seine Schrift gefunden zu haben, überspringen wir an dieser Stelle. „Ich schreibe in der Nische einer Nische“, sagt Geilmann. Von nun an nahm der biographische Anteil in seinem Werken ab – und die Fiktion trat in den Vordergrund. Ob über Buch Nummer zwei – in dem die Geschichte von Großmeister Alchejin, seinem Nachfolger Michael Botwinnik (1911-1995) und einem Siegelring mit Schachfigur mit einer sowjetrussischen Spionage-Schnurre verwoben werden oder in Buch Nummer drei über den weithin unbekannten, aber nicht minder faszinierenden indischen Meister Malik Mir Sultan Khan. „Das klingt nach einem Maharadscha – dabei war Malik Mir Diener im Gefolge eines indischen Diplomaten“, sagt Ulrich Geilmann, mit sichtbarer Lust daran, rund um das Schach Geschichten zu erzählen. Und schon versinkt die Außenwelt wieder; im Hintergrund glaubt der Zuhörer ein Kaminfeuer prasseln zu hören, im Vordergrund knistert Kandis im Abendtee.

Viel später – die Tasse ist leer und die Schwierigkeiten einer fachlich guten Übersetzung ins Englische besprochen – gilt es ein Fazit zu ziehen. Mehrfach hat Ulrich Geilmann betont, dass er froh ist, nicht seinen Lebensunterhalt mit Schach oder Schachromanen verdienen zu müssen. Das gebe ihm die Freiheit, einen Text auch mal liegen zu lassen, wenn es an Inspiration mangelt. Aus dem Schach nimmt er die Konzentration und die Fähigkeit, sich zu fokussieren mit in den Alltag. Aus dem Amt kommen Disziplin und Struktur in das Werk des Autors. Wie es scheint: kein schlechter Austausch zwischen Außen- und Binnenwelt.

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