Nach Kritik beim Rosenmontagszug: Bauern aus Neukirchen-Vluyn wollen keine Sündenböcke sein

Nach Kritik beim Rosenmontagszug: Bauern aus Neukirchen-Vluyn wollen keine Sündenböcke sein

Beim Rosenmontagszug in Düsseldorf landeten die Landwirte wegen ihres Pestizid-Einsatzes auf einem Motivwagen. Die Bauern vor Ort sehen sich aber keineswegs als die alleinigen Urheber des Insektensterbens.

Dass Jacques Tilly, der Wagenbauer des Düsseldorfer Rosenmontagszuges, mit seinen Entwürfen polarisiert, ist bekannt. Beim Zug am Montag war auch folgender Motivwagen dabei: Eine Gestalt mit Gasmaske, die unverkennbar an den Sensenmann erinnert, hat die Biene Maja aufgespießt. Der Gevatter Tod trägt die Aufschrift "Deutscher Bauernverband" und trägt einen Kanister mit Pestizid auf dem Rücken. Auf der Sense steht "Insektensterben".

Davon habe er nichts mitbekommen, sagt Diethelm Keesen, der Ortslandwirt von Neukirchen-Vluyn. Doch dass seine Kollegen und er zurzeit als Hauptverantwortliche für den Rückgang der Insektenpopulationen gelten, das beschäftig ihn schon seit geraumer Zeit. Genauer gesagt, seit eine Untersuchung, an der auch der Entomologische Verein in Krefeld beteiligt war, zu dem Schluss kam, dass die Zahl der Insekten in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen ist. Als eine Ursache wird der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft vermutet - allerdings spielen auch andere Faktoren, beispielsweise der Klimawandel, in der Debatte eine Rolle. Verwiesen wird von Tierfreunden auch auf die grassierende Mode, grüne Gärten in Stein- und Schotterflächen zu verwandeln.

Seither wird das Thema auch außerhalb von Fachkreisen lebhaft diskutiert, etwa in der Lokalpolitik. Anträge und Initiativen zum Schutz der Kerbtiere häufen sich, kaum ein Rat in der Region, in dem nicht Fraktionen für eine pestizidfreie Kommune plädieren, so auch die SPD in Neukirchen-Vluyn. "Ich war jüngst bei der Sitzung im Rathaus dabei, als darüber beraten wurde", berichtet Keesen. "Und mir ist fast der Kragen geplatzt, weil ich merkte, dass viele Ratsmitglieder sich überhaupt nicht auskennen. Da werden Begriffe wie Pestizid und Herbizid einfach durcheinander geworfen."

Dabei will Keesen gar nicht abstreiten, dass bestimmte Mittel, die Landwirte verwenden, schädlich für Insekten sein können. Aber dass die Bauern diese Stoffe ohne Sinn und Verstand in der Natur verteilten, davon könne keine Rede sein. "Auf den Behältern ist klar verzeichnet, welche der Stoffe beispielsweise für Bienen verträglich sind und welche nicht." Die Kreisbauernschaft hatte bereits im Dezember zu diesem Thema ein Gespräch mit dem SPD-Landtagsabgeordneten René Schneider geführt. Die Bauernschaft kritisierte dabei "einseitige Schuldzuweisungen" und sah "vielfältige Gründe" für den Rückgang der Insekten. Allerdings signalisieren die Landwirte auch, sich für den Schutz der Insekten einzusetzen. "Wir überlegen in Moers und Neukirchen-Vluyn zurzeit, auf Flächen, die nicht genutzt werden, Blühsamen auszusäen", berichtet Keesen. So würden Bereiche geschaffen, in den Insekten sich wohlfühlen und vermehren können.

Für die SPD in Neukirchen-Vluyn ist die Landwirtschaft der Insektenkiller Nummer eins. In ihrem Antrag, die Stadt in eine "pestizidfreie Kommune" umzuwandeln heißt es: "Weltweit und auch in Deutschland erleben wir einen zunehmenden Verlust der Artenvielfalt. Grund dafür ist vor allem die intensive Landwirtschaft." Thorsten Bender (SPD), stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Bau, Grünflächen und Umwelt, erklärt: "Wir hätten in der Sitzung für unseren Antrag eine Mehrheit bekommen, doch nun soll es einen Runden Tisch geben, an dem alle Beteiligten das Thema besprechen werden."

(s-g)