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Neukirchen-Vluyn: Auf den Spuren des gefallenen Vaters

Neukirchen-Vluyn : Auf den Spuren des gefallenen Vaters

Heribert Hölz hat seinen Vater, der im Krieg starb, nie kennengelernt. Nun reiste die Familie zur Grabstätte in Lettland.

Heribert Hölz hat seinen Vater Johann Hölz nie gesehen. Denn kurz nachdem der Sohn im Oktober 1942 geboren wurde, wurde sein Vater gegen seinen Willen als Soldat eingezogen, um im Russlandfeldzug zu kämpfen. Im Dezember 1944 starb Johann Hölz, zwei Monate nach dem zweiten Geburtstag seines dritten Sohns. Seitdem ist für Hölz der Vater ein Geheimnis, dessen schrittweise Lüftung sein Leben bestimmt.

Die Töchter Monika und Dorothea am Grab ihres Großvaters. Foto: privat

"Mein Vater ist immer eine präsente Person gewesen", erzählt der 71-Jährige, der in Duisburg-Hochfeld sein Kindheit verbrachte, heute in Neukirchen-Vluyn lebt und das Gesicht der Bosnienhilfe der Caritas Duisburg ist. Schließlich hatte sein Vater 208 Feldpostbriefe geschrieben, als er Soldat war, also im Durchschnitt zwei pro Woche. Diese Feldpostbriefe waren für seine Mutter Sophie Hölz ein Schatz. "Sie bewahrte die Briefe in einem Sekretär auf", erzählt der Sohn. "Sie waren etwas sehr Privates. Meine älteren Bruder Norbert und Wolfgang und ich haben das akzeptiert. Wir haben noch nicht einmal gefragt, ob wir diese Briefe lesen dürfen. An hohen Feiertagen, zum Beispiel Weihnachten und Ostern, war meine Mutter mit den 208 Feldpostbriefen ihres Mannes alleine im Zimmer."

Auf den Spuren von Johann Hölz bereiste die Familie viele Regionen Lettlands und besuchte auch den berühmten "Berg der Kreuze". Obwohl von den Sowjets mit Verboten belegt, blüht der Wallfahrtsort bis heute. Foto: privat

Lange Zeit war sich Heribert Hölz mit seinen beiden Brüdern einig, die Briefe zu vernichten, wenn die Mutter einmal sterben sollte. Doch dann starb Sophie Hölz 1987 so schnell und überraschend, dass sie die Frage nach Erhalt oder Vernichtung nicht mehr beantworten konnte. "Wir drei Brüder entschieden uns, die Feldpostbriefe nicht zu vernichten", erzählt Heribert Hölz. Er kopierte in den folgenden Jahren diese Briefe und tippte sie ab. Parallel dazu fuhr er zum Haus des Deutschen Ostens in Düsseldorf, um zu erfahren, wie die damals deutsch besetzten Städte in Lettland und Litauen heute heißen, wo sein Vater 1943 und 1944 gewesen war.

1988 trat er das erste Mal an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge heran. "Ich wusste aus einem Brief der Wehrmacht, an welchem Ort mein Vater auf einem Friedhof in Frauenburg lag", erzählt Heribert Hölz. "Dann ergab sich ein zehnjähriger Briefwechsel, weil ein Teil des Friedhofes überbaut worden war. Es war nicht klar, ob der Teil, wo mein Vater lag, dazu gehörte." Als 1988 endlich klar war, dass er noch dort lag, hatte sich die Kriegsgräberfürsorge entschieden, mehrere kleine Friedhöfe in und um das einstige Frauenburg, das heute Saldus hießt und 120 Kilometer südwestlich von Riga liegt, zu zentralisieren. Dabei erhielten je vier Soldaten einen Grabstein. Im September 1999 wurde dieser neue Friedhof eingeweiht. Auch das Ehepaar Hölz kam zu der Zeremonie. In den vergangenen Jahren rekonstruierte Heribert Hölz aus den Briefen, wo sich sein Vater wann aufgehalten hatte. Auf diese Spur begaben sich nun Ursula und Heribert Hölz mit ihren Töchtern Monika und Dorothea. Die Reise begann am Grab von Johann Hölz. "Wir hatten in unserem Gepäck vier kleine Steine dabei, beschriftet mit unseren Vornamen", erzählt Ursula Hölz. "Die legten wir andächtig vor Vaters und Opas Grab. Dabei wurde kein Wort gesprochen. Es war ein emotionaler Höhepunkt auf unserer Fahrt durch das Baltikum." Die Reise berührte Orte, in denen Johann Hölz als Soldat gewesen war. Eindrucksvoll war der Besuch des "Berges der Kreuze", eines berühmten Wallfahrtsortes.

"Mein Vater war Nichtraucher", erzählt Heribert Hölz. "Anstatt Zigaretten hat er Schokolade bekommen, die er an lettische Kinder verschenkt hat." Während der Reise beschäftigten sich alle immer wieder mit dem Krieg vor sieben Jahrzehnten. "Frieden ist nicht selbstverständlich", sagt Heribert Hölz. "Das haben wir eindrucksvoll auf unserer Fahrt erfahren. Wie ungeheuer zufrieden müssen wir sein mit der derzeitigen friedlichen Situation in Europa."

(got)