Alt werden auf dem Land: Warum sich Erika Geiling (86) in Rheurdt wohl fühlt.

Serie Alt werden auf dem Land : „Rheurdt ist seit 61 Jahren meine Heimat“

Wer auf dem Dorf älter wird, muss mit Einschränkungen rechnen: Busse fahren nur selten, die Wege zu Einkaufsmärkten sind weit und altengerechte Wohnungen rar. Erika Geiling (86) findet: Für Rheurdt gilt das nicht.

Der Schritt in die seniorengerechte Wohnung war nicht einfach, doch Erika Geiling hat ihn gewagt. Die 86-Jährige zog 2011 als erste in den Wohnkomplex an der Wallstraße ein. Zuvor hatte sie ihr Haus am Burgweg verkauft. Nach dem Auszug der drei Kinder und dem Tod ihres Mannes war es einfach zu groß geworden. „Einmal saß ich mit meiner Tochter Ulrike am Tisch, und jammerte ein bisschen. Mir taten die Gelenke weh und ich hatte noch so viel im Garten zutun. Da hat Ulrike ganz ruhig gesagt: ‚Mama, verkauf doch das Haus.’“ Sie habe sofort gewusst: „Das muss ich jetzt machen. Schließlich wollte ich ein angenehmes Leben im Alter.“

In ein anderes Dorf ziehen wollte sie aber nicht: „Rheurdt ist seit 61 Jahren meine Heimat, hier habe ich meine Freunde, mein Sohn und seine Familie leben hier.“ Als die neu war - im Dorf - knüpfte sie über die Frauenturnriege neue Kontakte. Erika Geiling fühlte sich sofort willkommen, feierte 50 Jahre lang jedes Fest mit und fand gute Freundinnen. Das Glück im Ökodorf wurde nur getrübt, als ihr Mann 1998 einen Schlaganfall erlitt. Zwei Jahre lang pflegte sie ihn zu Hause. Irgendwann ging es nicht mehr. 2000 brachte sie ihn in einem Altenheim in Aldekerk unter und besuchte ihn, so oft sie konnte – fünf Jahre später starb er. Nach fünf weiteren Jahren allein im eigenen Heim stieß sie an ihre körperlichen Grenzen. Erst beim Gespräch mit Ulrike wurde ihr das bewusst.

Deshalb fuhr sie noch an selben Nachmittag mit dem Fahrrad zur Wallstraße, dort baute man gerade das Mehrparteienhaus, in dem sie heute wohnt. Seniorengerechte Wohnungen würden darin entstehen, das wusste Geiling. Und das Café Schomaker sollte unten einziehen. Sie schrieb sich die Nummer vom Baustellenschild ab, bewarb sich für eine Wohnung. 2011 zog sie ein, in den ersten Stock und lebt dort bis heute.

Es gibt einen Aufzug, eine ebenerdige Dusche. Auf 75 Quadratmetern wohnt Geiling, hat einen Balkon, der zur Straße hinausgeht. An den Wänden hängen selbst gemalte Bilder mit bunten Blumen. Der Umzug bedeutete eine große Umgewöhnung für die 86-Jährige, doch die Entscheidung bereut sie bis heute nicht. Sie wohnt im Dorfzentrum, bis zur Hausärztin und zur Apotheke sind es nur ein paar Schritte, im Café unten im Haus trinken sie und ihre Freundinnen oft eine Tasse Kaffee. Mit dem neuen, geräumigen Lebensmittelladen ist sie zufrieden: „Auch wenn ich jetzt ein bisschen weiter laufen muss, bis in die Bahnstraße hinein.“ Vor kurzem hat sie dort erfahren, wie hilfsbereit einige Rheurdter sind: „Ich hatte meinen Einkaufswagen schon vollgepackt und wollte gerade zur Kasse, als mir auffiel, dass ich mein Geld zu Hause vergessen hatte. Da kam Maria um die Ecke, eine Dame, die ich seit ihrem Kleinkindalter kenne. Sie bot mir an, für mich zu bezahlen und mich mit ihrem großen Auto samt Rollator nach Hause zu bringen. Ich habe mich so gefreut, das war toll“, erzählt Geiling. Sie ist sich sicher: „So etwas erlebt man nur auf dem Dorf.“

Tatsächlich fährt sie nur noch selten in andere Gemeinden, um Erledigungen zu machen: „Danach muss ich mich immer einige Stunden ausruhen, das ist mir meistens zu anstrengend.“ Seit Geiling ihrem Sohn das Auto überlassen hat, ist sie auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. „Das ist aber gar nicht schlimm. Nach Neukirchen-Vluyn fährt, glaube ich, stündlich ein Bus und nach Kamp-Lintfort alle zwei. Das reicht vollkommen aus. Und die Fahrzeuge sind meistens leer“, sagt die 86-Jährige. Sie kenne viele Menschen, in ihrem Alter, die das genauso sähen. „Leider werden die immer weniger“, bemerkt sie. Vor kurzem war sie mit einer Freundin verabredet, die einige Jahre älter war. Die sagte das Treffen ab, es ginge ihr nicht gut. Wenige Wochen später war sie tot.

Wenn die Trauer sie überkommt, geht Geiling gerne zur Eiche am Sportplatz, die ihr Mann 1985 gepflanzt hat. Es ist ihr Lieblingsort. Die Gemeinde entfernt dort regelmäßig das Unkraut. „Ich weiß nicht, was aus der Eiche wird, wenn ich mal nicht mehr bin. Aber ich würde mir wünschen, dass die Vereine Patenschaften für die Grünanlagen übernehmen, und der Gemeinde so etwas Arbeit abnehmen. Das wäre eine Aufgabe, die die Rheurdter noch mehr zusammenschweißen würde.“

Mehr von RP ONLINE