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:Aktionstag in Neukirchen-Vluyn: „Schreib eine Whatsapp an Anne Frank!“

Aktionstag in Neukirchen-Vluyn : „Schreib eine Whatsapp an Anne Frank!“

Prinsengracht 263 in Amsterdam: Dort versteckte sich die Familie Frank. Tersteegenstraße 84: Dort erinnerten sich gestern die Schüler an Anne.

Das Mädchen mit den krausen Haaren auf den Schwarz-Weiß-Fotos wurde nicht älter als 15. Anne Frank starb im Februar 1945 an Typhus im KZ Bergen-Belsen. Sie gab der Shoa, dem sechsmillionenfachen deutschen Mord an Juden, ein Gesicht. Was schreibt man ihr zum 90. Geburtstag in einer Whatsapp? Stifte und Zettel, die aussehen wie ein Handy-Bildschirm, lagen gestern aus – in der Städtischen Gesamtschule. „Pass auf! Du wirst bald entdeckt!“ hat ein Schüler notiert. Ein anderer fährt einen Schutzschild aus Coolness hoch: „Ey Garb – schönes Porträtbild!“

Für Joshua, Laura, Ensar, Mike und Jan sind die acht Stellwände im pädagogischen Zentrum nicht bloß ein Blick zurück. Sie gehören zur „Gerechtigkeitsliga“. Das ist hier an der Gesamtschule ein Wahlfach für die siebten und achten Klassen. Über die Themen „Vorurteile“ und „Flüchtlinge“ sind sie mit Schulsozialarbeiterin Daniela Bulut vor anderthalb Jahren in das Thema eingestiegen. Auch weil der Ton in den Klassen der „Schule ohne Rassismus“ und auf den Straßen von Neukirchen-Vluyn härter wird. „Ey, du Jude“ wird als Schimpfwort wieder gerne und immer häufiger genommen. „Du Schwuler“ ist ein Pausen-Schnack. Laura will das ihren Mitschülern nicht mehr einfach durchgehen lassen: „Es sollte niemand mehr wegen seiner Religion oder seinen Einstellungen diskriminiert werden“, sagt sie – mit leiser Stimme hinein in das Pausengetümmel.

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Sie könne sich gut vorstellen, dass Anne Frank ihre Freundin wäre, sagt Laura. In einem ersten Schritt haben die Mädchen und Jungen ihre neuen Mitschüler gefragt, die aus Syrien geflohen sind. Vorsichtig. Tastend – einerseits. Aber wenn ein Gesprächsfaden entstanden war – auch bemerkenswert direkt: „Habt ihr auf Eurer Flucht Tote gesehen?“

Die neuen Klassenkameraden haben dann von Flucht und Vertreibung erzählt. Nicht alle kamen mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer. Viele Familien haben viel Geld für einen sicheren Weg nach Deutschland bezahlt. In einem nächsten Schritt haben die Schüler der Gerechtigkeitsliga eine Kirche, eine Moschee, einen buddhistischen Tempel und einen Sikh-Tempel besucht. Dort gab es viel zu lernen – über Glauben und Religion. „Jeder sollte seine Religion leben dürfen, aber sie anderen nicht aufdrängen“, findet Joshua. „Da müssen wir alle aufpassen.“

Im Deutschunterricht der achten Klassen haben sie gerade das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Sie wollen die Ausstellung klassenweise besuchen. Was würde die Schulsozialarbeiterin tun, wenn Hetz-Whatsapps an Anne Frank geschrieben würden. „Dann muss man darüber sprechen“, sagt Daniela Bulut. Das sei am besten. Schulleiterin Beatrix Langenbeck-Schwich nimmt sich einen Zettel und schreibt darauf: „Kopf hoch! Es kommen bestimmt wieder bessere Zeiten!“ Für Anne Frank kommt dieser Wunsch zu spät.