Nettetal: Ziemlich beste Freunde

Nettetal : Ziemlich beste Freunde

Jugendliche aus Lobberich gehörten zu den Pionieren der deutsch-französischen Aussöhnung und Freundschaft.

Caudebec-en-Caux hatte festlich geflaggt, viele Menschen säumten die Straßen. Veteranen beider Weltkriege marschierten mit Schärpen, Orden und Ehrenzeichen auf dem Platz vor dem Rathaus. Hier steht — wie in jedem noch so kleinen Ort in ganz Frankreich — das Ehrenmal, das an die Toten der Kriege mit Deutschland erinnert. In diesen Aufzug hinein fuhr ein Bus, in dem 14-jährige Jungs aus Lobberich saßen. Alle trugen die Kluft der Katholischen Jungen Gemeinde. Einigen klopfte das Herz bis zum Hals.

Der Nationalfeiertag Frankreichs am 14. Juli erinnert ursprünglich an den Sturm auf die Bastille und den Start der Französischen Revolution 1789. Aber er ist eben auch ein Tag, an dem die Grande Nation der Kriege danach gedenkt, die vorwiegend mit dem einstigen Erzfeind Deutschland ausgefochten wurden. Auch wenn am 23. Januar 1963 der Elysèe-Vertrag unterzeichnet worden und das Deutsch-Französische Jugendwerk aus der Taufe gehoben worden war — Begegnungen zwischen Deutschen und Franzosen waren in den ersten Jahren danach hoch belastet.

"Ich fühlte mich schon beklommen bei allem Selbstbewusstsein, mit dem wir unsere Frankreich-Fahrten damals unternahmen", erinnert sich Norbert Backes. Der Lobbericher war Gruppenleiter der KJG in der Pfarre St. Sebastian. Die war, beseelt vom Geist des Elysèe-Vertrages, schon früh zunächst in die Normandie gefahren, wo Alliierte 1944 gelandet waren. Am Point du Hoc an der Calvadosküste gehörten die jungen Lobbericher nach drei Tagen dazu. Abends waren sie in der Bar — in Frankreich sind das unsere Kneipen — stets willkommen. "Wir mussten zur Gitarre deutsche Volkslieder singen, und der Hit war ausgerechnet ,O Tannenbaum'", sagt Backes lachend.

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Nach Caudebec-en-Caux nahe der Seinemündung fuhr die Gruppe erst einige Jahre später. Der Lobbericher Max Zanders hatte über eine Studienfreundschaft dorthin Kontakte geknüpft, die 1967 in die Städtepartnerschaft mit Lobberich mündeten. Die Jungs aus Lobberich platzten zwar in die National-Feiertagsstimmung hinein. "Aber der Bürgermeister hat sich regelrecht für die Umstände unserer Ankunft entschuldigt und uns im Ratssaal empfangen", erinnert Backes sich.

Es begann eine Zeit des regen Austauschs. So kamen im Gegenzug und über die Vermittlung des heutigen Werner-Jaeger-Gymnasiums französische Jugendliche nach Lobberich. Die KJG-Gruppe hatte bei einem Aufenthalt in Caudebec tatkräftig dabei geholfen, die Kirche eines nahen Klosters in Ordnung zu bringen. Nun halfen junge Franzosen dabei, die Alte Kirche im Herzen Lobberichs vom Schutt zu befreien. Sie war bei Kriegsende von einer amerikanischen Granate getroffen worden und schwer beschädigt. Junge Lobbericher um den späteren Pfarrer Klaus Dors machten sich in den 1960er-Jahren daran, die Kirche herzurichten. "Die Franzosen haben mehrere Tage lang den Putz von den Wänden geklopft. Das hat gestaubt wie Sau. Aber die mussten ja beschäftigt werden", erinnert sich Backes und muss lachen.

Wenn er sich zurückerinnert, dann beeindruckt ihn "die Bereitschaft auf beiden Seiten, sofort aufeinander zuzugehen". Natürlich seien die jungen Deutschen in ihren Kluft-Hemden anfangs misstrauisch beäugt worden. Aber man habe sehr schnell zueinandergefunden und sich fest versprochen, die Vergangenheit zu überwinden. Dass die Partnerschaft mit Caudebec bis heute eher wellenförmig ausgefüllt war, findet Backes nicht weiter tragisch. "Ich rate allen dazu, auf die Frankreich-Karte zu schauen und da Urlaub zu verbringen. Das bringt mehr als offizielle Partnerschaften."

FRAGE DES TAGES

(RP)
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