Wie Katze Lilli aus dem Tierheim in Nettetal-Lobberich ein neues Zuhause fand

Nettetal : Wie Katze Lilli ein neues Zuhause fand

Die Willicherin Bianca Treffer hat eine Katze aus dem Tierheim bei sich aufgenommen: die dreifarbige Lilli. Die Behinderung des Tiers spielt für die 49-Jährige keine Rolle.

Ihre zahlreichen Körbchen, Höhlen und Kissen auf dem Sofa lässt Lilli gerne mal links liegen. Das Bett hat es ihr angetan, am liebsten lässt sich die Katzendame auf dem weichen Plumeau nieder, gerne auch auf dem Kopfkissen ihrer Besitzerin. Die nimmt es locker. „Das Bett ist für sie das Tollste“, sagt Bianca Treffer und lacht. Sieben Jahre ist es her, dass sie und ihr Mann Detlev Lilli in ihr Herz geschlossen haben.

Dass die Katze heute bei den Treffers in Willich lebt, verdankt sie einer aufmerksamen Frau aus Brüggen. Die entdeckte das dreifarbige Tier auf dem Parkplatz eines Restaurants am Rande Süchtelns. Lilli war abgemagert, ein Rippengestell, berichtet Bianca Treffer. Die Brüggenerin stellte der Katze die Reste ihres Essens hin, das sie sich im Restaurant hatte mitgeben lassen, dann beobachtete sie mit einigem Abstand, wie das scheue Tier zu fressen begann. Tagelang kam die besorgte Frau jeden Nachmittag wieder, stellte neues Fressen hin, wartete und beobachtete. „Irgendwann hat sie dann eine Katzenfalle aufgestellt und Lilli gefangen“, sagt Bianca Treffer. Weil die Brüggenerin selbst die Katze nicht behalten konnte, brachte sie sie ins Matthias-Neelen-Tierheim in Nettetal-Lobberich.

Ralf Erdmann kann sich noch gut an Lilli erinnern. „Sie war damals nur Haut und Knochen“, sagt er. Der Tierheim-Leiter und seine vier Mitarbeiterinnen päppelten die Katze langsam wieder auf – dann kamen Bianca Treffer und ihr Mann, auf der Suche nach einem neuen Vierbeiner. Kurz zuvor waren im Abstand weniger Monate ihre beiden Katzen Loui und Trine im Alter von 16 und 17 Jahren gestorben. Bianca Treffer hockte sich im Katzenhaus des Tierheims auf den Boden, und Lilli „kam sofort schleimen“, sagt die 49-Jährige liebevoll. Die Katze schlich um das Ehepaar herum, kletterte auf den Schoß und machte ziemlich deutlich: Euch mag ich, erinnert sich die heutige Besitzerin. Dass das Tierheim-Team die Katze damals „Mondguckerin“ nannte, störte Bianca Treffer nicht: „Wir haben sie direkt mitgenommen.“

Ihren damaligen Spitznamen verdankte Lilli einem Handicap: Ihr Köpfchen stand etwas schräg, der Blick ging meist leicht nach oben. „Der Tierarzt vermutete, dass sie angefahren wurde“, sagt Bianca Treffer. Lilli kann nicht höher als auf das Bett oder das Sofa springen, wenn sie schnell rennt, überholen ihre Hinterbeine den Kopf, die Katze fällt hin. Ihren Kopf hält sie nun dank Physiotherapie wieder fast gerade. „Wer nichts davon weiß, sieht es nicht“, sagt Bianca Treffer.

Bewohner mit Behinderungen sind im Lobbericher Tierheim gar nicht so selten, berichtet Leiter Erdmann. „Wir haben beispielsweise auch immer wieder mal Katzen, denen ein Bein amputiert wurde, weil sie unter einem Auto lagen und ein Reifen darüber gerollt ist.“ Die Tiere selbst würden meist nach wenigen Wochen schon wieder so toben, dass es gar nicht groß auffiele, dass ihnen ein Bein fehlt. „Aber vielen Leuten ist das zu mühsam, so ein Tier aufzunehmen“, sagt Erdmann. Auch Lilli hatte einst als „Tier des Tages“ in der Rheinischen Post zunächst keine neuen Besitzer gefunden.

Im Tierheim an der Straße Flothend leben derzeit rund 60 Katzen, 19 Hunde und zehn Kleintiere wie Mäuse, Meerschweinchen und Chinchillas. Jetzt in der Ferienzeit und kurz davor sei das Haus erfahrungsgemäß immer voll, berichtet der Leiter. „Viele, die ein Tier bei uns suchen, kommen nach den Ferien, wenn sie wieder aus dem Urlaub zurück sind“, sagt Erdman. Wer wie die Treffers eine Katze haben möchte, kann einfach ins Katzenhaus hineingehen und warten. „Meist suchen die Tiere sich ihr Herrchen selbst aus“, erklärt Erdmann. Nur ganz selten bringe darum jemand ein Tier nach einer Weile wieder zurück.

Gefundene Katzen gelten als Fundsache. Zwar vermittelt das Tierheim sie bereits nach 14 Tagen weiter, allerdings unter Vorbehalt. Wenn sich innerhalb von sechs Monaten die ursprünglichen Besitzer melden, können sie das Tier zurückfordern. „In meinen 20 Jahren hier ist das aber nur zwei- oder dreimal vorgekommen“, sagt Erdmann.

800 bis 1000 Tiere werden jährlich im Lobbericher Tierheim abgegeben. Die meisten finden schnell ein neues Zuhause, andere sind seit Jahren dort. „Die lassen sich nicht anfassen“, sagt Erdmann. „Sie bleiben hier, bis sie sterben.“ Eine Pitbull-Hündin, ein sogenannter Listenhund, hat kürzlich nach drei Jahren im Tierheim ein neues Zuhause bei einem jungen Pärchen gefunden. „Gerade haben sie den Verhaltenstest bestanden“, sagt Erdmann erfreut. Hunde bringt er persönlich zu ihren neuen Herrchen. „Dann kann ich mir ein Bild davon machen, wie sie untergebracht sein werden“, erklärt Erdmann. 80 Euro zahlen Interessierte im Lobbericher Tierheim für eine Katze, Hunde liegen bei 150 Euro, bei Kleintieren variiert der Preis. Zehn Euro kostet ein Meerschweinchen, 15 Euro ein Kaninchen, 20 Euro ein Chinchilla.

Wegen ihrer Behinderung und weil sie dadurch im Notfall nicht schnell flüchten könnte, ist Lilli eine Hauskatze. Ihren fünf Meter hohen Kratzbaum mussten die Treffers verkleinern – damit Lilli hochkommt und gleichzeitig nicht so tief fallen kann, sollte sie aus dem Gleichgewicht geraten. „Sie ist sehr agil und flitzt rum“, sagt Bianca Treffer. Ihr Handicap lasse sich Lilli nicht anmerken.

Die dreifarbige Katze ist sehr selbstbewusst und hat auch die beiden Irischen Wolfshunde der Treffers trotz ihrer deutlich geringeren Größe im Griff. „Die finden Lilli total super, aber fangen sich auch schon mal eine, wenn es ihr zu viel wird“, berichtet die Besitzerin. Bei einer Routineuntersuchung im vergangenen Jahr stellte der Tierarzt bei der Katze einen Herzfehler fest. „Zum Glück ist der aber nicht schlimm“, sagt Bianca Treffer. Seitdem bekommt Lilli jeden morgen Medikamente, immer eine viertel Tablette

Die Brüggenerin, die Lilli damals auf dem Parkplatz gefunden hatte, besuchte sie kurz nach der Ankunft in ihrem neuen Zuhause in Willich. „Sie wollte sehen, ob sie es gut hat“, sagt Bianca Treffer. Die Journalistin und ihr Mann bereuen ihre spontane Entscheidung, die Katze mitzunehmen, nicht: „Wir würden Lilli um nichts in der Welt wieder hergeben.“

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