Nettetal: Werner Jaeger säße heute in Talkshows

Nettetal: Werner Jaeger säße heute in Talkshows

Das wissenschaftliche Erbe des aus Lobberich stammenden Altphilologen Werner Jaeger war Thema eines Symposions während der erstmaligen Verleihung des Werner-Jaeger-Preises an Charles H. Kahn und Christoph Hochholzer.

Beckmann, Will, Jauch und Ilgner hätten sich um ihn gerissen. "Werner Jaeger säße heute in den Talkshows", ist Stefan Kipf überzeugt. Der Professor für die Didaktik der alten Sprachen an der Berliner Humboldt-Universität und langjährige Vorsitzende des Deutschen Altphilologen-Verbandes (DAV) übersetzte so in heutige Denkmuster die Bedeutung Jaegers bei Bildungsdiskussionen in der Weimarer Republik. Der Forscher Jaeger war auch ein Wissenschaftsmanager und propagierte einen "Dritten Humanismus", mit dem er versuchte, das nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Bildungsvakuum "mit einer sinnstiftenden übergreifenden Idee zu füllen", erläuterte Kipf und fügte hinzu: "Jaeger lieferte eine prononcierte wissenschaftliche Alternative".

Über Für und Wider dieser Alternative, die auf Jaegers großem Werk "Paideia" fußt, haben am Wochenende beim "1. Werner-Jaeger-Symposion zur Philosophie und Literatur der Antike" auf Schloss Krickenbeck an die 40 Philologen, Philosophen und Historiker aus Deutschland, Serbien und Griechenland, der Schweiz und den USA nachgedacht und teilweise kontrovers diskutiert. Den Nationalsozialismus hat die Idee des Dritten Humanismus im Untergrund überlebt, sie ist nach dem Zweiten Weltkrieg in mannigfacher Form in Lehrplänen wieder aufgetaucht, doch gelang ihr nicht der entscheidende Durchbruch, hielt Kipf bei seinem Festvortrag zur Verleihung des Werner-Jaeger-Preises in der Werner-Jaeger-Halle fest.

Die Idee zu diesem Preis entstand im Vorfeld zum 125. Geburtstag Jaegers - er wurde am 30. Juli 1888 in Lobberich geboren - und wurde von dem Juristen und Historiker Dr. Marcus Optendrenk gemeinsam mit dem Verkehrs- und Verschönerungsverein und der Stadt Nettetal konkretisiert. Ausgezeichnet wurden jetzt - nach dem Votum eines Preiskomitees - der US-amerikanische Altertumswissenschaftler Charles H. Kahn (Philadelphia) "für herausragende wissenschaftliche Leistungen" und als Nachwuchsforscher Christoph Hochholzer (Münster) für seine Doktorarbeit über Platons "Sophistes". Kahn (86) berichtete in seiner Dankesrede von seinen persönlichen Begegnungen mit Werner Jaeger in den USA und bekannte, dass Jaegers Werk großen Einfluss auf sein eigenes Forschen hatte.

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Nicht nur Kahn hat Werner Jaeger noch erlebt. Auch Hellmut Flashar (84), Doyen der deutschen Altertumswissenschaftler und nach vielen Jahren an der Ludwig-Maximilian-Universität München nun in Bochum lebend, erinnerte sich an den 3. Juli 1958, als Werner Jaeger mit dem Ehrendoktor der Evangelischen theologischen Fakultät der Universität Tübingen ausgezeichnet wurde. Er räumte ein, dass ihn als jungen Studenten nicht nur das Thema "Paideia Christi" irritiert habe, sondern auch die leise Sprechweise. Erst später seien ihm "Zauber und Anmut seines Wissens und seiner Sprache aufgegangen". Flashar war einerseits erfreut, dass die Antike heute "in viel stärkerer Vielfalt als zu Jaegers Zeiten präsent ist", doch andererseits bedauerte er, dass das Erlernen des Altgriechischen kaum mehr angeboten wird, auch nicht am Werner-Jaeger-Gymnasium in Nettetal und am Thomaeum in Kempen - Schulen, die Jaeger einst besuchte. Zu den Teilnehmern des Symposions, die Werner Jaeger noch erlebt haben, gehörte auch Studiendirektor i.R. Karl-Hans van Ditzhuysen (84), der als junger Mathematik- und Physik-Student in Boston 1952/53 den Landsmann aus Lobberich in Watertown (Cambridge) besuchte. Von Jaeger nur gehört haben dagegen sechs Schüler des Gymnasiums, die sich am Samstagmorgen den Vortrag über Platons "Höhlengleichnis" anhörten: Sie konnten gut mitreden, hatten sie sich doch vorher damit intensiv im Philosophie-Kurs mit ihren Lehrern Iris Glaser-Warmbier und Hans Rehkämper beschäftigt.

Zur Feier, musikalisch umrahmt vom Orchester des Gymnasiums, passte auch das ausgewählte Stück: "Philosopher of the Day".

(mme)
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