Nettetal Wärme für eine Nacht

Nettetal · Die Kältewelle hat in den vergangenen Tagen in Europa zahlreiche Todesopfer gefordert. Besonders für Obdachlose ist die Situation dramatisch. Ein Besuch in der Viersener Übernachtungsstelle an der Josefskirche.

Kreis Viersen Diese Nacht war die kälteste in Nordrhein-Westfalen seit drei Jahren. Doch während die meisten in ihren beheizten Schlafzimmern unter dicken Decken selig schlummern und von dem Temperatursturz nichts mitbekommen, gibt es auch Menschen, die zu dieser Jahreszeit auf der Straße leben müssen.

Im Dezember 2009, kurz vor Weihnachten, erfror ein 42-jähriger obdachloser Niederländer vor dem Hauptportal von St. Sebastian in Lobberich. Ein Ehepaar fand ihn am nächsten Morgen leblos hinter einem Gebüsch. In einem alten Gründerzeithaus an der Josefskirche in Viersen versuchen Sozialarbeiterin Vera Hauers und ihre Mitarbeiter, solche tragischen Vorkommnisse zu verhindern.

Schlüssel gibt es nicht

1991 hat die Stadt das Haus gemietet und eine städtische Übernachtungsstelle eingerichtet. "Zur- zeit haben wir eine leicht überdurchschnittliche Belegung von rund sechs Personen pro Nacht", berichtet Hauers. Das sind zwei Personen mehr als sonst. Aufgenommen werden könnten aber 25 Personen.

Wer an der schweren Eisentür klopft, landet zunächst bei einem der Hausmeister in einem bescheidenen Büro. "Der Besucher muss sich für nichts rechtfertigen. Wir stellen keine unangenehmen Fragen, sondern geben den Menschen zunächst die Chance, sich für eine Nacht auszuruhen", erklärt Hauers. Hinter dem Schreibtisch des Hausmeisters hängt eine Pinnwand voller Schlüssel mit bunten Plastikanhängern — wie man es von einer Hotelrezeption kennt. "Die Schlüssel werden aber niemals ausgehändigt", erklärt Hauers. Denn damit könnte reger Handel betrieben werden, sagt sie.

Die Hausordnung ist streng: Kein Alkohol, keine Männer im Frauentrakt, und spätestens um acht Uhr ist die Nacht zu Ende. "Wir möchten nicht, dass die Leute den ganzen Tag im Bett liegen. Sie sollen ihr Leben organisieren", erklärt Hauers. Deshalb sind die Schlafräume auch über Tag abgeschlossen.

In den spärlich eingerichteten Zimmern stehen Einzelbetten mit Metallrahmen, die Matratzen sind durchgelegen. Aber es ist warm und sauber. "Das ist das Wichtigste", sagt einer der Männer im Aufenthaltsraum.

Jeder Gast muss sich am ersten Werktag nach seiner Ankunft bei Vera Hauers melden. Dann steht ein sogenanntes Erstgespräch an, bei dem versucht wird, den Gründen für die Obdachlosigkeit auf den Grund zu gehen und zunächst für finanzielle Unterstützung zu sorgen. "Natürlich muss erst mal Geld her. Aber längerfristig wollen wir dem Leben der Menschen auch wieder eine Struktur geben", so Hauers. Es gebe aber auch Obdachlose, die sich partout nicht helfen lassen wollen.

(RP)
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