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Nettetal: Von elf kamen nur fünf Narren durch

Nettetal : Von elf kamen nur fünf Narren durch

Nach heftigen undiplomatischen Verwicklungen in den vergangenen elf Tagen kam es gestern zwischen Sparkasse und Rathaus zu einem schweren Grenzzwischenfall. Am Ende stand der erfolgreiche Putsch einer unbekannten Schar zügelloser Frauen, die sich mit Prinz Rolf I. verbündet hatten, gegen Nettetals Bürgermeister Christian Wagner. Erste schwerwiegende Konsequenz: Wagner erhielt Redeverbot für die nächsten anderthalb Jahre.

Wagner hatte den feinsinnigsten Diplomaten seiner höfischen Umgebung mehrmals, aber, wie sich nun zeigte, vollkommen vergebens gegen die dunklen Mächte in den Straßen losgeschickt. Tatenlos musste Armin Schönfelder, der gestern in der Kostümierung des Ersten Beigeordneten Nettetals im Rathaus erschienen war, mit ansehen, wie seinem Chef der Schlüssel zum Rathaus abgerungen wurde. Willi Wittmann, ein, wie sein Name schon sagt, weiser Mann, hatte glänzende Vorarbeit geleistet und sich im Rathaus eingeschlichen, Wagner das Prinzenpaar als Pfand angeboten und sich dann davongemacht, um den Möhnen vorzuflunkern, der Rolf I. und Nicole I. würden nun ein Aktenzeichen erhalten und im Archivkeller verbannt.

 Die Möhnen setzen an zum Sturm auf das Rathaus.
Die Möhnen setzen an zum Sturm auf das Rathaus. Foto: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Bei Stiels-Boos schlugen die Wogen hoch. Die Möhnen kaperten einen freilaufenden Musikzug und zwangen ihn zum Marsch auf das Rathaus. Leichter Nieselregen vermochte sie nicht abzuhalten von ihrer verruchten Tat, das Stadtoberhaupt anzugreifen und die Flüsterburg zu erobern. Hochwürden Ulrich Clancett stimmte drunten fromme Lieder an, ohne die wilde Schar zu besänftigen, die unterwegs eine herrenlose Drehleiter kaperte und gegen den erklärten Willen Schönfelders in Position brachte.

 Die weiße Fahne in einer Hand und eine Möhne am Hals – Christian Wagner war gestern einmal mehr ohne Chance.
Die weiße Fahne in einer Hand und eine Möhne am Hals – Christian Wagner war gestern einmal mehr ohne Chance. Foto: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)
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In einer völlig unabgestimmten Aktion drängelte sich eine gewisse Mandy S. mit einer Mareike und einem dritten Weibsbild in den Korb. Befehlshabende Möhnen kurbelten die Drehleiter hoch und — schwups — war die Abwehrschlacht verloren. Der Bürgermeister wedelte in Schweiß gebadet mit der weißen Fahne. Willi W. hatte den Prinzen ermutigt, seine Höhenangst zu überwinden und sich den Drehleiterkorb geben zu lassen, um denselben zu besteigen. Während Mareike juchzend ihren 27. Geburtstag aus luftiger Höhe feierte und Mandy selig von ihrem Ausflug in der Drehleiter träumte, übergab der Bürgermeister den Rathausschlüssel an das Prinzenpaar.

Etwas dünner als üblich ausgefallen war allerdings die Unterstützung über die unteren Festungstore. Nur fünf von elf Breyeller Wölesen überstanden beispielsweise die Humorkontrolle und durften ins Innere eindringen. Die anderen mussten sich trollen und draußen beim gemeinen Volk mitfeiern. Ähnlich erging es anderen organisierten Unterstützern der Möhnenszene. Jeweils fünf durften durch, gebändigt mit Bändchen an den Handgelenken. Das Lobbericher Karnevals-Komitee war angeblich unterwegs bereits abhanden gekommen.

Ansonsten tummelten sich sämtliche Karnevalsgesellschaften mit handverlesenen Abordnungen, die Kinderprinzenpaare hatten endlich auch mal Luft zum Atmen in der Rathaus-Spelunke. Besonders Mutige überwanden trotz drohender Beschilderung wie "Zutritt verboten" Flure im Bürokraten-Labyrinth. Um seinen Hals zu retten, bützte der Bürgermeister tapfer zurück, wenn eine Möhne über ihn herfiel. Allerdings konnte er die siegreiche Kohorte nicht besänftigen. "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen", funkelte eine Chef-Möhne die abgesetzten Stadtoberhäupter an. Es wird noch weitere Scharmützel rund um den Sturm auf das Rathaus geben.

Wenig Unterstützung bekam Wagner übrigens vom heiß geliebten Jugendamt, das sich piff-paff, in Cowboy-Klamotten mit den Eindringlingen verbrüderte, währen der kleine Ex-Prinz Willi, der Tempelsritter, eine kesse Sohle mit Cowboy-Wilma vom Standesamt auf den Kunststoffboden legte. Bei so viel Bewegungsfreiheit im Obergeschoss war einigen Narren unwohl. "Voller wäre es mir lieber", sinnierte einer mit einem Glas Bier in der Hand. FRAGE DES TAGES

(ivb)