Vereine aus Nettetal fürchten Gummigranulat-Verbot

Nettetal : Vereine fürchten Gummigranulat-Verbot

Das drohende Verbot von Kunststoffgranulat auf Kunstrasenplätzen beschäftigt die Nettetaler Fußballvereine. „Für uns wäre es eine Katastrophe“, sagt Hans Josef Mooren, Ehrenvorsitzender bei Spiel und Sport Schaag.

Die Verantwortlichen bei Spiel und Sport (SuS) Schaag hatten einen Plan: Durch viel Eigenleistung, dazu mit Spenden und Darlehen bauten sie vor etwas mehr als fünf Jahren auf ihrer Anlage einen Kunstrasenplatz. Die Stadt unterstützte mit rund 175.000 Euro, aber bei Gesamtkosten von gut 380.000 Euro musste ein ganzer Batzen alleine gestemmt werden. Zwei Jahre lang bereiteten sie sich vor und legten den notwendigen Kredit auf 20 Jahre aus. Nun ist Ehrenvorsitzender Hans Josef Mooren beunruhigt. Das drohende Verbot von Kunststoffgranulat auf Kunstrasenplätzen könnte dem Verein einen gehörigen Strich durch die Finanzierungsrechnung machen.

Nach einem Vorschlag der Europäischen Chemikalien-Agentur an die EU-Kommission soll das auf solchen Plätzen übliche Kunststoffgranulat ab 2022 verboten werden. Es wird auf den Anlagen zwischen die Gummihalme gestreut und steht im Verdacht, als Mikroplastik Umwelt und Trinkwasser zu belasten, wenn es in den Erdboden ausgewaschen wird. Laut Deutschem Fußball-Bund gibt es bundesweit rund 5000 Kunstrasenplätze. Einer Studie des Fraunhofer-Instituts zufolge sind sie die drittgrößte Quelle für Mikroplastik in Deutschland.

Um die beste Qualität zu haben, habe sich der Verein damals für teures Granulat entschieden, „keine geschredderten Altreifen“, erinnert sich Mooren. Dafür habe man an anderen Stellen Abstriche gemacht und beispielsweise auf Stufen in der Wallanlage verzichtet. „Umweltschutz ist wichtig“, sagt der Ehrenvorsitzende. „Aber wenn das Granulat verboten würde, wäre das für uns existenziell. Es wäre eine Katastrophe.“ Alternativen wie Kork oder Quarzsand seien sehr teuer.

Auch Paul Schrömbges, Vorsitzender beim TSV Kaldenkirchen, sagt: „Es ist zwar alles noch nicht ausdiskutiert, aber am Ende wird man über Geld reden müssen, viel Geld.“ Der TSV hat seit 2013 einen Kunstrasenplatz und dafür 530.000 Euro bezahlt. 280.000 Euro trägt der Verein, davon 130.000 Euro über einen Kredit. Die knapp 500 Fußballer zahlen sogar zum Mitgliedsbeitrag monatliche Sonderbeiträge für den Kunstrasenplatz, insgesamt 7500 Euro jährlich. Für Schrömbges reicht es nun: „Wir sind kein Sportplatzfinanzierungsverein“, sagt er. „Irgendwann habe ich als Ehrenamtler auch genug.“ Eine sechsjährige Übergangsfrist, wie von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gefordert, helfe seinem Verein nicht, sagt Schrömbges: Es müsse schon um Bestandsschutz gehen.

Wilfried Schmitz, Vorsitzender bei SC Union Nettetal, will Panik vermeiden. „Das Thema ist noch nicht durch“, sagt er. „Wir wollen erst mal abwarten, wie es sich entwickelt.“ Als erster Verein in Nettetal habe SC Union Nettetal seinen Kunstrasenplatz vor gut 15 Jahren angelegt. „Damals war alles in Ordnung, das sollte man heute berücksichtigen“, sagt Schmitz. Für den Verein ist der Kunstrasenplatz wie für die anderen unerlässlich. „Im Winter bleibt nur der Kunstrasen“, sagt Schmitz.

Denn auf Naturrasen könne beispielsweise bei Regen nicht lange gespielt werden, bevor Schäden auftreten, sagt SuS-Ehrenvorsitzender Mooren. Außerdem habe der Naturrasenplatz im Gegensatz zum Kunstrasenplatz auch keine Flutlichtanlage. „Wer soll das finanzieren?“, fragt Mooren. Schrömbges sieht noch viele offene Fragen: „Wenn das Granulat schädlich ist, wer bezahlt die Entsorgungskosten? Dürfen unsere Fußballer überhaupt noch darauf spielen?“

CDU-Politiker Stefan Berger aus Schwalmtal, der seit der Europawahl neu im EU-Parlament sitzt, hat sich in die Diskussion eingeschaltet. „Der Rasen ist das Herzstück eines Fußballvereins, und gerade Kunstrasen sind für lokale Vereinigungen eine Mammut-Investition“, sagt er. Der Erhalt der Umwelt, wozu auch die Reduzierung von Mikroplastik gehöre, sei eine der zentralen Zukunftsherausforderungen, die zügig und nachhaltig angegangen werden müssten. „Sportvereine tragen aufgrund ihrer gesundheitlichen und sozialen Bedeutung jedoch eine wichtige Rolle in der Gesellschaft und sollten nicht die Leidtragenden einer möglichen Beschränkung des Kunststoff-Granulats sein“, sagt Berger. „Meine klare Forderung ist daher, vollen Bestandsschutz der vorhandenen Kunstrasen zu garantieren, bis eine finanzierbare und ökologische Alternativlösung besteht, die von den lokalen Sportvereinen mitgetragen werden kann.“

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