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Nettetal: Sterbekassen sterben aus

Nettetal : Sterbekassen sterben aus

In ganz Nettetal gibt es nur noch eine Sterbenotgemeinschaft. In Leutherheide gibt jeder Bewohner ein wenig Geld bei einem Todesfall hinzu. Dabei deckt das die Bestattungskosten nicht einmal mehr im Ansatz.

Josef Sieben ist stolz darauf, was in Leutherheide passiert. Bei jedem Todesfall klingeln er und seine Mitstreiter bei aktuellen und ehemaligen Nachbarn und sammeln Geld. Einen Euro pro Erwachsenem, 25 Cent pro Kind. So kommen 350 Euro zusammen, die an die Trauernden ausbezahlt werden. Das nennt sich Sterbenotgemeinschaft. "Wir haben 350 Einwohner in Leutherheide, aber mehr als 400 Mitglieder in der Gemeinschaft", berichtet Sieben, der Kassierer und Schriftführer der Gemeinschaft. "Wir halten dieses System am Leben, auch wenn es schwierig ist." Denn eine Sterbenotgemeinschaft ist heute fast schon ein Relikt aus alten Tagen. Die Gemeinschaft in Leutherheide, die 1907 gegründet wurde, ist die wohl letzte überhaupt in Nettetal, abgesehen von womöglich bestehenden wesentlich kleineren und privaten Zusammenschlüssen.

Diese Form der nachbarschaftlichen Unterstützung wird immer seltener. Sterbekassen sind vom Aussterben bedroht. Im Jahr 2004 löste sich die Sterbenotgemeinschaft Breyell auf, im März 2009 war es die Sterbenotgemeinschaft in Schaag, die aufgab. Keiner wollte sich mehr an der Arbeit im als Verein geführten Zusammenschluss beteiligten. Am 12. Februar 2010 vermeldete der damalige Vertreter Egidius Tillmanns, dass der verbliebene Kassenbestand von rund 15 400 Euro aufgebraucht war — damit endete die gemeinschaftliche Hilfe im Trauerfall in Schaag. Seitdem muss jeder selbst finanziell zurecht kommen bei einem Todesfall. Im Vereinsregister für die Stadt Nettetal beim Amtsgericht Krefeld ist keine Sterbenotgemeinschaft mehr eingetragen.

Bestatter Robert Hellmann berichtet heute von vielleicht fünf Bestattungen im Jahr, bei denen Hinterbliebene mit einer Umlage aus einer Sterbekasse kommen. "Früher waren es mindestens 25 im Jahr", sagt Hellmann. Der Grund für das Aussterben der Sterbekassen ist für Hellmann klar: "Die alten Leute sterben weg, und die neuen kommen nicht mehr rein. Die Nachbarschaft ist dann nicht mehr aktiv. Anonymisierung der Gesellschaft, Fluktuation, Fortzüge — das macht es wenig attraktiv."

Außerdem wirkt das ausbezahlte Geld heute nur noch wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Sterbegemeinschaften zahlen meistens zwischen 300 und 500 Euro an die Hinterbliebenen aus. Eine Bestattung mit dem Kauf einer Grabstätte fängt aber bei rund 3500 Euro an. Seitdem die Krankenkassen das pauschale Sterbegeld im Jahr 2003 eingestellt haben, gibt es nun nur noch eine Anlaufstelle für Hinterbliebene, die die Beerdigung nicht zahlen können: das Sozialamt. Dort wurden im vergangenen Jahr 47 Anträge auf Bestattungskosten zuschuss gestellt, in diesem Jahr waren es bislang 26. Gleichzeitig veränderte sich die Bestattungskultur: Wesentlich mehr Menschen als früher werden heute eingeäschert — sicherlich auch, weil dies günstiger ist.

Den Mitgliedern der Sterbenotgemeinschaft Leutherheide ist das egal. Denn sie erfahren neben Geld noch eine andere wichtige Unterstützung: Zusammenhalt in der Trauer. FRAGE DES TAGES

(RP)