Nettetal: Selbst das Ende bestimmen

Nettetal: Selbst das Ende bestimmen

Der Nettetaler CDU-Politiker Christian Weisbrich wird am Sonntag 70 Jahre alt. Vor wenigen Tagen entschied er, nicht mehr für den Landtag zu kandidieren. In Düsseldorf prägte er die Finanz- und Wirtschaftspolitik maßgeblich mit.

"Man sollte Schluss machen, wenn man es selbst bestimmen kann", sagt Christian Weisbrich. Als in der vorletzten Woche die rot-grüne Minderheitsregierung in Düsseldorf unterging, hat er selbst bestimmt, nicht erneut für ein Landtagsmandat zu kandidieren. Weisbrich wird am Sonntag 70 Jahre alt. Noch einmal fünf Jahre dranhängen, sich dem Stress aussetzen — das will er nicht mehr. "Ich habe alles gehabt und mitgemacht. Nun reicht es. Ich mache Schluss."

Der gebürtige Hesse hat in Nettetal, im Kreis Viersen, auf Landes- und Bundesebene in 40 Jahren das öffentliche Leben maßgeblich mitgestaltet. Er war Beigeordneter und Stadtdirektor, Wirtschaftsmanager, Kreis- und Landespolitiker. Als Chef der Nettetaler Stadtentwicklungsgesellschaft hat er die Aufbruchstimmung der Gründerzeit nach der Kommunalreform 1970 erlebt. "Damals wurde Geld mit dem Füllhorn ausgegeben. Zehn Jahre später begann man damit, es mit dem Staubsauger zurückzuholen. Das ist bis heute so", sagt er.

"Fünf Jahre zu spät"

Der Typus des Politikers, der fest verankert in der bürgerlichen gesellschaft ist, den "vorpolitischen Raum" besetzt, sei selten geworden. "So wie die Neigung und die Möglichkeiten zur ehrenamtlichen Arbeit über Beruf und Politik hinaus deutlich zurückgegangen sind, hat sich die Politik verändert", sagt er. Er sei "froh", sowohl Verwaltung, Wirtschaft als auch Kommunalpolitik gekonnt zu haben, als er sich 1995 um ein Mandat bewarb. Für ihn sei es ständig aufwärts gegangen, jetzt könne er nichts mehr erreichen. Weisbrich hätte die Chance, jetzt den Fraktionsvorsitz in der CDU zu übernehmen. Aber mit 70 Jahren will er nicht mehr. "Ich bin im Prinzip fünf Jahre zu spät in den Landtag gekommen, um jetzt etwas zu bewegen", sagt er.

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Mit Helmut Linssen verband ihn viel mehr als mit Jürgen Rüttgers, der Ende 1998 NRW-Landesvorsitzender wurde. Linssen gab den Fraktionsvorsitz auf, Laurenz Meier wurde sein Nachfolger — und Weisbrich von einer großen Mehrheit der Fraktion zum Wirtschaftspolitischen Sprecher gewählt. Viel Erfahrung gesammelt habe er im HDO-Untersuchungsausschuss (es ging um Subventionsbetrug mit einem "Leuchtturmprojekt" im Technologiezentrum Oberhausen).

Weisbrich war zuletzt Sprecher in Haushalts- und Finanzfragen, er war jahrelang stellvertretender Fraktionsvorsitzender und leitete nach der Wahl 2010, als Fraktionschef Helmut Stahl kein Mandat mehr hatte, die Sondierungsgespräche mit Hannelore Kraft. "Sie wollte unbedingt Ministerpräsidentin werden", sagt Weisbrich, der den Begriff "Schuldenkönigin" prägte. Weisbrich war die treibende Kraft in der Union, die über eine Einstweilige Anordnung am Verfassungsgerichtshof Münster den Nachtragshaushalt mit 8,6 Milliarden Euro Neuverschuldung kippte. "Meine Prognose von 5,4 Milliarden Euro unterbot das Gericht mit 5,0 Milliarden Euro" — Christian Weisbrich erzählt mit Genugtuung, dass seine Haushalts- und finanzpolitischen Einschätzungen stets viel näher an der Realität lagen als die der rot-grünen Regierung.

Im Wahlkreis hat er sich nicht rar gemacht, aber die Öffentlichkeit gemieden. Dutzende Firmen und Bürger haben mit seiner Hilfe Probleme lösen können. Weisbrichs Einfluss reichte über Parteigrenzen hinweg tief in Ministerien hinein. Sein Erfolgs-"Geheimnis"? "Entscheidend ist eine nachhaltige Basis in der Fraktion", sagt er. Ein wenig hat er noch zu tun. Weisbrich gehört zum engen Zirkel derer, die zurzeit die Politik im Land bestimmen.

(RP)
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