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Nettetal: Schwanenhaus: Schnaps und Sprengstoff

Nettetal : Schwanenhaus: Schnaps und Sprengstoff

Manfred Wintzen, der ehemalige Vorsteher des Zollamtes Schwanenhaus, kann viel über die Geschichte seiner Dienststelle sagen — von deren Beteiligung am "Heißen Herbst" bis hin zu Prüfung rund um Ginseng-Schnaps

Der "Deutsche Herbst" vor 40 Jahren ging auch nicht an dem Amt in Nettetal spurlos vorbei, erinnert sich Manfred Wintzen, der ehemalige Vize-Vorsteher des Zollamtes Schwanenhaus. Es habe "Tag- und Nachteinsätze" des Zolls gegen Terrorismus gegeben. Denn: "Man hatte gedroht, das Zollamt in die Luft zu sprengen", erinnert sich Wintzen beim Vortrag vor den Heimatfreunden Leuth.

Generell war der Zoll für die Wirtschaft der Region wichtig: Zu Hochzeiten waren in den Dienststellen Heidenend, Stadt, Bahnhof und Schwanenhaus rund 300 Beamte tätig; es gab etwa 150 Speditionen und Zollagenten. Mit dem Wegfall der wirtschaftlichen Grenzen im Jahr 1993 begann der Abbau. Heute arbeiten am Schwanenhaus und in der "Kontrolleinheit Verkehrswege Kaldenkirchen" noch rund 30 Beamte. Manfred Wintzen, in Brandenburg geboren, aber seit dem vierten Lebensjahr Rheinländer, hat vor fünf Jahren ein 194-Seiten-Buch über die "Geschichte der Zollämter an der Grenze bei Kaldenkirchen" veröffentlicht. Angefangen hat diese Geschichte mit dem Wiener Kongress, der Grenzziehung zwischen Preußen und den Niederlanden sowie dem Bau des Ersten Hauptzollamtes 1822, das heute als Bürgerhaus genutzt wird.

Wintzen erzählt nun nicht chronologisch, sondern verknüpft zahlreiche belegte Anekdoten mit seinem Leben. Er ging 1961 zum Zoll, kam drei Jahre später nach Kaldenkirchen und hat "bei Nooten Püemel am Schwanenhaus auf Zimmer gewohnt". Zollbeamte seien damals keine "Kinder von Traurigkeit" gewesen, zumal unter ihnen auch noch etliche "Zwölfender" (ehemalige Berufssoldaten) waren.

Eine Flasche mit fernöstlichen Schriftzeichen und einer Ginseng-Wurzel hat Manfred Wintzen mit in den Ruhestand genommen. Sie steht nun auf dem Schreibtisch daheim und erinnert den ehemaligen Vize-Vorsteher an Prüfungsfragen für Zollanwärter aus den 1970er Jahren. Zum Vortrag hat er sie vor sich auf den Tisch gestellt. Die Frage, wie viel Alkohol in der Ginseng-Wurzel in der Flasche stecke, muss niemand beantworten. Die Zollanwärter und -anwärterinnen hätten es damals wissen müssen, denn davon hing die Höhe des Steuersatzes ab. Revolutionär war die Einstellung von Finanzanwärterinnen, weiß Wintzen, denn der oftmals raue Ton im Amt wurde dadurch zivilisierter. Doch eine "ausgenommen Hübsche" erklärte ihm ihr Leid: "Ich kann mich vor den Kerlen kaum noch retten."

Das Zolldienstgebäude am Schwanenhaus (1823) stand zunächst nicht auf der Grenze, sondern rund 750 Meter landeinwärts in der Straßenkurve, heute Schwanenhaus 2. Es rückte dann im Jahr 1890 rund 400 Meter vor bis zur heutigen Adresse Schwanenhaus 19. Es dauerte bis 1905, als der repräsentative zweieinhalbgeschossige Neubau an der "Keulsse Barriere" entstand, die später auch Beginn der Reichsstraße/Bundesstraße 7 war). Im Jahr 1971 wurde das Zollamt 200 Meter nördlich ins freie Feld an die Autobahn verlegt.

Vom "Schwanenhaus" war erst Ende des 19. Jahrhunderts die Rede. Damals übertrug sich der Name einer Gaststätte von "Lenzes Lott" auf die umliegenden Häuser: Er hatte über dem Türeingang einen Schwan mit ausgebreiteten Flügeln angebracht.

Als Gastwirtin und "Herbergsmutter" war bis Mitte der 1970er Jahre auch die noch jugendliche "Wwe. Wefers" bekannt, die manchmal "in kurzem Röckchen und mit tiefem Ausschnitt" auftauchte, um die Abfertigung der Lastwagen "ihrer Jungs" in der Kneipe zu beschleunigen.

(mme)