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Schicksal der Zwangsarbeiter in Nettetal-Kaldenkirchen wenig erforscht

Kriegsende vor 75 Jahren : Schicksal der Zwangsarbeiter in Kaldenkirchen kaum erforscht

Vor 75 Jahren endete in Kaldenkirchen der Zweite Weltkrieg am 1. März. Wenig erforscht ist, was mit den zahlreichen Ostarbeitern passierte, die im Ort in einem Lager lebten. Das bedauert der Kaldenkirchener Historiker Leo Peters.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Kaldenkirchen am 1. März 1945 endete nicht nur für die einheimische Bevölkerung der Zweite Weltkrieg, sondern auch für die Fremd- oder Ostarbeiter im Ort. Der Kaldenkirchener Historiker Leo Peters bedauert, dass die Quellenlage dazu sehr dürftig sei, zumindest bei offiziellen Akten.

Bekannt ist, dass die Frontstadt Kaldenkirchen am 23. November 1944 geräumt wurde, die gesamte Bevölkerung wurde mit der Bahn evakuiert. Es gab Transporte nach Derenburg bei Halberstadt, nach Aschersleben und Dahlbusch im Siegerland. Wie richtig die Evakuierung war, zeigte der britische Luftangriff am 3. Dezember 1944 auf Kaldenkirchen. Die Restverwaltung wurde nach Schiefbahn ausgelagert, die Feuerwehr brachte ihre Fahrzeuge nach Lank.

Was aber passierte mit den Ostarbeitern, die in Kaldenkirchen untergebracht waren? Darüber gibt es keine genauen Angaben. Aus anderen Orten ist bekannt, dass die Zwangsarbeiter über den Rhein evakuiert werden sollten, viele sich aber weigerten, weil sie lieber auf die Befreiung durch die Alliierten warten wollten. Nach 1945 kamen viele von ihnen als sogenannte Displaced Persons erneut in ein Lager. In seiner Stadtgeschichte von Kaldenkirchen zitiert Leo Peters einen Zeitungsbericht vom 4. März 1965 in der „Rheinischen Post“. 20 Jahre nach Kriegsende wird dort von 900 russischen Kriegsgefangenen und polnischen Arbeitern gesprochen. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft oder bei den Fortin-Werken, die an der Feldstraße 16 Trockengemüse produzierten. Ein Lager soll sich an der Vennstraße 11 befunden haben. Verdienstvoll war die Recherche von Schülern des Gymnasiums Thomaeum in Kaldenkirchen, die 2014/15 dem Thema Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus im Raum Kempen/Krefeld nachgingen. Dort taucht auch Kaldenkirchen auf. Nachzulesen sind die Ergebnisse im Heimatbuch des Kreises Viersen 67. Der Autor Thomas Brösel umschreibt die Gruppe der Zwangsarbeiter als Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Inhaftierte.

Im Besitz des Kreisarchivs Viersen befinden sich Kennkarten für Ostarbeiter. Nach den Unterlagen des Kreisarchivs sind 32 Männer registriert, von denen 31 in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Weit mehr Frauen sind erfasst. Die Autoren sprechen von 134 Frauen, von denen 55 Prozent in der Landwirtschaft und 29 Prozent Hilfsarbeiten in der Fabrik übernahmen. 1942 waren die Frauen in Durchschnitt 24 bis 26 Jahre alt, die Männer 23 bis 27 Jahre. Das entsprach der nationalsozialistischen Rassenideologie, aus der abgeleitet wurde, die „osteuropäischen Untermenschen“ möglichst früh auszubeuten. Die Ostarbeiter stammten zum Großteil aus den besetzten Gebieten in Polen und der Ukraine, heißt es im Text des Heimatbuches.

Sehr selten im Vergleich zu anderen Städten ist die Tatsache, dass die Ostarbeiterinnen nur in einer Fabrik, nämlich den Fortin Mühlenwerken in Kaldenkirchen, eingesetzt waren. Die Gebäude der Mühlenwerke existieren heute nicht mehr. Die Fortin Mühlenwerke wurden 1932 im Düsseldorfer Hafen gegründet. Das Familienunternehmen produziert noch heute in einem neuen Werk an der Fringsstraße im Hafen. Ein Vorgängergebäude musste dem Neubau des Landtages weichen. Während die Werke anfangs Suppen, Trockengemüse und Haferprodukte herstellten, wechselten sie zum Ende des Krieges zu Schälmühlenprodukten verschiedener Getreidesorten. Damit wurden Lebensmittelhersteller und Großbäckereien beliefert. Auf den aktuellen Seiten im Internet findet man nichts über einen früheren Standort in Kaldenkirchen. So bleibt vieles aus der Zeit des Kriegsendes im Dunkeln oder harrt der Wiederentdeckung. Über das weitere Schicksal der Zwangsarbeiter nach 1945 ist nichts bekannt.