Sanierung der Werner-Jaeger-Halle in Nettetal-Lobberich wird deutlich teurer als gedacht

Nettetal : Kostenexplosion bei Werner-Jaeger-Halle

Die Sanierung der Halle in Nettetal wird wohl fast doppelt so teuer wie gedacht: knapp zwölf statt 6,3 Millionen Euro. Die Mehrkosten fallen auch dann an, wenn die Halle abgerissen würde, sagt der Bürgermeister.

Die Worst-case-Berechnung für die Schadstoffbeseitigung liegt bei mehr als vier Millionen Euro brutto. Ausgehend vom schlimmst möglichen Szenario also würde das den Rahmen für die Sanierungskosten der Werner-Jaeger-Halle in Lobberich deutlich sprengen. Hinzu kommt, dass wohl auch die restlichen Renovierungsarbeiten mehr Geld verschlingen werden, als bislang geplant: Waren zuvor 6,3 Millionen Euro angesetzt, rechnet die Verwaltung nun mit knapp 7,5 Millionen Euro. Darunter fallen unter anderem 500.000 Euro Mehrkosten für die Vollklimatisierung. Insgesamt würden damit rund zwölf Millionen Euro fällig.

„Viel Geld, sehr ärgerlich, aber unabwendbar“, sagt Bürgermeister Christian Wagner (CDU). Denn selbst wenn man sich nun doch entschließe, die Halle einfach abzureißen, blieben die Kosten für die Entsorgung der Schadstoffe bestehen. PCB und Asbest müssten in jedem Fall weg. „Wir müssen es eh anpacken“, erläutert der Erste Beigeordnete Michael Rauterkus. So argumentierte die Verwaltung auch bei der Präsentation des Sachstandsberichts im Ausschuss für Kultur und Städtepartnerschaften am Dienstagabend.

Bis zur nächsten Sitzung des Betriebsausschusses des Nette-Betriebs am 3. Juli sollen die Fraktionen nun Zeit haben, die Nachricht zu verdauen. Dann will die Verwaltung laut Wagner eine Beschlussvorlage präsentieren. Viel Spielraum bleibt den Politikern allerdings nicht. Denn allzu viel Zeit dürfe laut Wagner nicht verstreichen. Käme es zu einer selbstverschuldeten Verzögerung, seien die vom Bund zugesagten Fördermittel von immerhin 2,4 Millionen Euro hinfällig, berichtet der Bürgermeister.

Angefangen hatte alles mit dem undichten Dach. Bei der Ursachensuche wurden laut Vorlage in der Dachkonstruktion erhebliche Mängel festgestellt, die einen Sanierungsbedarf in Dach, Technik und Ausstattung nach sich ziehen. Im Rahmen der Sanierung soll das Gebäude gleichzeitig modernisiert werden. Nach einer ersten Kostenschätzung habe man für den Haushalt 2015 mit Kosten in Höhe von 5,2 Millionen Euro geplant, berichtet Wagner. Damit hatte sich die Stadt auch um eine Förderung durch das Bundesprogramm zur „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“ beworben. „2016 kam die Ablehnung“, sagt Wagner. Als der Bund das Fördervolumen erweiterte, war Nettetal im März 2017 wieder drin – allerdings mit der Berechnungssumme von 2015. „Alles danach wurde nicht berücksichtigt“, sagt Wagner. „Ganz verständlich ist das nicht.“

Als die Mitglieder des Rates am 29. März 2017 die umfangreiche Sanierung der Halle beschlossen, hätten der damaligen Berechnung von 6,3 Millionen Euro laut Wagner „valide Zahlen“ zugrunde gelegen. Einst waren für die Entsorgung von Schadstoffen 42.000 Euro angedacht worden. Dass im Dach und in der Außenfassade Asbest verwendet worden war, wie es in den 1970er-Jahren, in denen die Halle erbaut wurde, üblich war, war bekannt. „Eine Atemschutzuntersuchung 2015 hatte ergeben, dass keine akute Gesundheitsgefährdung vorliegt“, sagt Wagner. Auch laut Rauterkus gebe es damit „aktuell kein Problem“: „Noch ist der Asbest festgebunden, aber im Laufe der Zeit kann er sich beispielsweise durch die Witterung lösen, deswegen müssen wir handeln“, sagt der Erste Beigeordnete.

Allerdings habe man erst bei der Begutachtung der Dachkonstruktion entdeckt, dass der Anstrich der Stahlträger, der sie im Falle eines Brandes länger vor den Flammen schützen soll, PCB enthalte. Polychlorierte Biphenyle sind giftige und krebsauslösende organische Chlorverbindungen. Da PCB vor allem in der Dachkonstruktion und damit weit weg vom Publikum verwendet worden ist, habe dank der Abluftanlage für die Besucher keine Gefahr bestanden. Doch die Abtragung wird laut Rauterkus nun teuer. Mit Atemschutz und im Schutzanzug müssten Arbeiter die Farbe händisch von den Stahlträgern abtragen, draußen die Asbestplatten einzeln nach unten transportieren und einpacken. „Diese Arbeiten sind es, die es teuer machen“, sagt Rauterkus.

Die Schadstoffuntersuchung wurde laut Wagner im November 2017 beauftragt. Hätte es etwas geändert, wenn das bereits 2015 passiert wäre? „Damals hat man kein Gutachten beauftragt, weil erst einmal geklärt werden sollte, was überhaupt gemacht werden soll“, sagt Wagner. Abriss oder Sanierung. „Das war eine vertretbare Entscheidung.“ Und auch, wenn die Erkenntnisse von heute früher bekannt gewesen wären, argumentiert Wagner: „Egal, was wäre, wir hätten immer die Altlastensituation.“

„Schwere Kost“ sei die Lage um die Werner-Jaeger-Halle, so gab Kulturausschussvorsitzende Renate Dyck (SPD) zu Beginn der Diskussion in der Ausschusssitzung zu. „Nicht ganz einfach, damit umzugehen.“ Sie plädierte dafür, die Problematik als ein „Zwei-Säulen-Modell“ zu betrachten, das die unumgängliche Schadstoffsanierung der Halle und ihre architektonische Sanierung klar voneinander trenne. Auch Leo Peters (CDU) betonte den „äußerst komplexen Sachverhalt, der eine gründliche Beratung in den Fraktionen erfordert“ und forderte – ähnlich wie Dyck, dass die Schadstoffbeseitigung und die Sanierung „zwei Paar Schuhe“ seien. „Das muss man voneinander trennen.“

Sabine Luhnau (FDP) folgerte aus der Tatsache, dass die Sanierung der Halle wesentlich teurer als ursprünglich geplant werden wird, ein nachhaltig „geschädigtes Vertrauen der FDP-Fraktion in die Verwaltungsspitze“ zu sprechen und fragte: „Wann können wir künftig noch von einer Belastbarkeit von Verwaltungsvorlagen ausgehen? Müssen wir bei allen Vorlagen von Relevanz externe Gutachter beauftragen?“ Bürgermeister Christian Wagner widersprach Luhnau und lehnte Schuldzuweisungen ab. „Wir kämen niemals auf den Gedanken, frühere Stadtbaudezernenten dafür verantwortlich zu machen, dass sie ein so schönes Projekt realisiert haben.“ Er verwies auf die Aussagen des Ersten Beigeordneten Rauterkus, dass der Einbau von Asbest in den 1970er-Jahren Standard gewesen sei. Hermann-Josef Hüttermann (Grüne), regte zu weiteren Diskussionen an, während Manfred Schmitz von der Blauen Fraktion sich „nicht überrascht“ zeigte und „immer davon ausgegangen ist, dass sich die Kostenschätzung nicht halten kann“. Einigkeit bestand über Fraktionsgrenzen hinweg darin, dass das Thema Schadstoffbelastung ein großes Risiko darstelle.

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