Ruhestand für Schulhund Lotta von der Realschule Nettetal-Kaldenkirchen

Kaldenkirchen : Schulhund „Lotta“ geht in Rente

Knapp sieben Jahre lang begleitete die Australian-Shepherd-Dame die Mädchen und Jungen der Realschule durch den Schultag. Am Freitag war nun Schluss: Besitzerin Kathrin Funcke geht in Elternzeit, die Hündin in den Ruhestand.

Welchen Einfluss „Lotta“ auf die Menschen in ihrer Umgebung hat, erläutert Kathrin Funcke mit einer Geschichte. Ein Mädchen saß im Büro des Leiters der Realschule Nettetal, es stammte aus schwierigen Verhältnissen und war aus seiner Familie geholt worden. Nun wollte es nicht sprechen, und zur Schule gehen wollte es schon gar nicht. Also rief Joachim Sczyrba Lotta und ließ die Hündin machen. „Kurze Zeit später lag das Mädchen mit Lotta auf dem Boden, hat mit ihr gekuschelt und angefangen, mit ihr zu sprechen“, sagt Funcke, Lehrerin an der Kaldenkirchener Realschule und Lottas Besitzerin. Die Aussicht darauf, den Hund täglich zu sehen, habe das Mädchen dazu gebracht, wieder am Unterricht teilzunehmen. „Es ist nur eine von 500, ich weiß“, sagt die 34-Jährige, „aber wieder eine kleine Kinderseele gerettet.“

Auf das Thema Schulhund stieß Funcke, die in Breyell aufwuchs und heute in Lobberich lebt, während des Referendariats in Köln. 2011 begann sie als Lehrerin für Biologie, Sport, Geschichte und Mathematik an der Realschule und stellte ihre Idee vor: ein eigener Schulhund für die Kaldenkirchener Einrichtung, von ihr betreut. Weil aber ein Wechsel auf dem Schulleiterposten bevorstand, wurde ihre Idee zurückgestellt. Als Sczyrba 2012 seine Arbeit aufnahm, „habe ich ihn ganz frech beim ersten Treffen auf dem Flur darauf angesprochen“, erinnert sich Funcke. Ohne seine Antwort zu kennen, war sie damals ein kleines Risiko eingegangen, wie sie berichtet: Sie hatte Welpe Lotta bei einer Züchterin in Lobberich bereits gekauft. Die Rasse, Australian Shepherd, gilt als intelligent und gelehrig.

Die Kosten für Futter, Haltung, Tierarzt und Hundesteuer trägt Funcke, der Förderverein der Schule übernahm die Rechnung für die Therapiehund-Ausbildung. „140 Stunden haben wir an den Wochenenden absolviert“, berichtet die Halterin. Wie viele Lottas es in der Region gibt, ist unklar: Die Zahl der Schulen, die einen Schulhund haben, werde nicht erfasst, sagt eine Sprecherin der Bezirksregierung Düsseldorf. In einer entsprechenden Handreichung des nordrhein-westfälischen Schulministeriums heißt es: Eine Zulassung ist nicht notwendig, der Einsatz des Tieres erfolgt durch eine Entscheidung der Schulleitung im Rahmen der schulischen Eigenverantwortung.

Lottas Hauptaufgabe klingt zunächst ganz banal – sie soll die Schüler beruhigen. Dafür gibt es im Umgang mit ihr klare Regeln. Während des Unterrichts wird sie nicht gerufen, sondern entscheidet selbst, wohin sie geht. Häufig lege sie sich neben ein Kind, von dem sie merke, dass es kribbelig sei, sagt Funcke: „Felltiere beruhigen und fördern die Konzentration.“ Gibt es in einer Klasse Schüler mit Allergie, nimmt Funcke Lotta nicht mit. Wer Angst hat, darf den Hund ganz langsam kennenlernen – während Lotta mit der Leine am Pult festgebunden ist.

Lotta und Funcke sind ein eingespieltes Team. Schnippst die Halterin mit den Fingern, weiß die Hündin, was sie zu tun hat. Häufig verhalte sich Lotta aber auch intuitiv richtig, sagt Funcke: „Wenn sie merkt, dass sich ein Streit anbahnt, geht sie hin, stupst die Beteiligten an und drückt sie mit ihrer Schnauze auseinander.“ Sie zählt exemplarisch auf, was die Schüler durch Lotta lernen: Rücksichtnahme, Empathie und Verantwortungsgefühl.

Hannah (16) und Anna (15) sind traurig, dass die Hündin am Freitag ihren letzten Tag hatte. „Mit ihr war es sehr cool, es war mal was Neues“, sagt Hannah. Anna ergänzt: „Sie beruhigt einen.“ Wie es weitergeht, soll bei einer Schulkonferenz im Juli entschieden werden, berichtet Schulleiter Sczyrba. Er ist von dem Konzept Schulhund überzeugt. „Lotta hat mit ihrem einladenden Aussehen bei allen sofort gewonnen“, sagt er. „Für Gespräche, bei denen Lotta dabei war, war sie ein Gewinn.“ Gerne hätte er wieder einen Schulhund – allerdings erst nach einer Vakanz. „Denn der nächste Hund wird einfach immer an Lotta gemessen.“

Funcke will auch mit zwei Kindern viel Zeit mit Lotta verbringen. Denn der Hündin fehle von Geburt an eine Bandscheibe, alt werde sie nicht, habe die Tierärztin ihr gesagt. Ein Gedanke tröstet sie, sagt Funcke: „Es gibt keinen Hund in Nettetal, der so viel geliebt, gekuschelt und geschätzt wurde wie Lotta.“

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