Nettetal: Niersverband legt Mühlenbach tiefer

Nettetal: Niersverband legt Mühlenbach tiefer

Zum Ausgleich von umfangreichen Arbeiten an der Dülkener Nette erhält der Mühlenbach neben dem Breyeller Quellensee ein naturnahes Bett. Das hilft dem Netteverband, europäische Richtlinien für Gewässer umzusetzen.

Für einen Baggerfahrer ist diese Arbeit möglicherweise ein bisschen wie das Buddel-Paradies: Er zieht einen mehreren Meter breiten Graben durch eine Wiese, häuft an den Seiten die Erde auf und muss nicht einmal gerade fahren. Vielmehr zieht er die tiefe Furche in Schlangenlinien, die einem Betrunkenen alle Ehre machten. Natürlich ist der Mann an den Schalthebeln komplexer Hydrauliksysteme nicht alkoholisiert - im Gegenteil. Er arbeitet nach Plan.

Bisher fließt der Mühlenbach zwischen den grauen Linien (unten auf dem Bild), demnächst schlängelt er sich durch die Wiese (erkennbar an der blauen Linie). Foto: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Ausgeheckt haben diesen Plan der Niers- und der Netteverband. Sie schaffen in der Wiese gleich neben dem Quellensee in Breyell dem Mühlenbach ein neues Bett. Der Bach hat sich das redlich verdient. Die Menschen haben ihn über Jahrzehnte arg geschunden, als Kanal für menschliche und industrielle Abwässer. Im Raum Börholz/Schaag führt der Bach eher selten Wasser, das ist hier am Unterlauf anders. Im Bereich Feldernd und Berg hat der Bach übrigens schon vor etlichen Jahren ein neues Bett erhalten. Er wurde seinerzeit ökologisch aufgewertet und diente auch nicht mehr als Abwasserkanal.

Der Niersverband spendiert dem Mühlenbach am Quellensee eine künstliche Verlängerung. Er legt unterhalb der vom Bagger aufgewühlten Wiese fast schnurgerade in einem Graben gut 160 Meter zurück. Ist das neue Bett fertig, verlängert sich der Bachlauf auf rund 300 Meter. In Planung, Grundstückskauf und Umsetzung durch die Firma Frauenrath steckt der Niersverband rund 260 000 Euro. Das ist Teil des 15-Millionen-Euro-Budgets, das der Verband zurzeit an der Dülkener Nette für einen Retentionsbodenfilter verbaut. Weil das ein kräftiger Eingriff in die Landschaft ist, muss der Verband irgendeinen Ausgleich schaffen.

Die Wahl fiel auf den Unterlauf des Mühlenbachs, der wenig später in die Nette mündet. "Eine glückliche Fügung" sei das gewesen, berichtete Christian Wagner, der Vorsteher des Netteverbandes. Niers- und Netteverband schlossen einen Vertrag, der alle Einzelheiten genau regelt. "Für beide Seiten ist das eine gute Lösung. Der Niersverband gleicht seinen Eingriff weiter flussaufwärts aus und für uns ist das ein weiterer Baustein zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, die die EU vorgibt", erklärte Netteverbands-Geschäftsführer Volker Dietl.

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Die familiäre Harmonie der Wasserwirtschaft unterstrich anschließend Prof. Dietmar Schitthelm für den Niersverband. Entlang der Nette hat sich eine empfindliche Gewässersituation entwickelt. Kläranlagen konnten unter anderem Phosphor nicht aus dem Abwasser herausfiltern, die Chemikalie landete in den Netteseen und lagerte sich dort ab. Mit der neuen Retentionsfläche an der Dülkener Nette sollen diese und andere Stoffe aus dem Fließgewässer herausgehalten werden. Das klingt leicht, ist aber sehr kompliziert. Der Niersverband verbaut auf der riesigen Fläche neben dem Fluss einen Sandkörper, der allein 1,4 Millionen Euro kostet. Verschiedene Gesteinsschichten kommen hinzu, die ebenfalls filtrierende Wirkung haben werden. Hinzu kommt ein Flockungsfilter in der Kläranlage Dülken, der ebenfalls die Reinheit und Qualität des durchströmenden Wassers erhöht.

Die Wiese am Quellensee, durch die sich demnächst der Mühlenbach schlängeln darf, wird bald ganz anders aussehen. Stauden und Gehölze werden sich hier ansiedeln, Totholz wird eingebracht - ein Stück Natur aus zweiter Hand sozusagen. Dass der Netteverband das Geschenk gerne angenommen hat, liegt auf der Hand. Er muss nicht tief in die eigene Tasche greifen, er muss auch keine Verbandsgelder dafür auslegen und selbst die Unterhaltung der Fläche wird ihn kaum belasten. "Da muss man wahrscheinlich überhaupt nichts mehr tun", sagte Ulrich Otto, Leiter der Abteilung Abwasser beim Niersverband.

Etwa fünf bis sechs Wochen werden die Tiefbauarbeiten benötigen. Der kleine Bach wird nämlich nicht nur mäandrieren, also viele Kurven bekommen, sondern er wird auch tiefer gelegt. Damit ändert sich das Gefälle, es werde naturnah sein, erläuterte Volker Dietl vom Netteverband. Und wenn der kleine Bach das Wasser nicht mehr halten kann, weil es besonders kräftig und anhaltend geregnet hat, dann darf er sogar übermütig werden und über die Ufer treten. Das wird hier niemanden stören, zumal die Umgebung sowieso recht feucht ist. Es wird sich ein neuer Lebensraum für Pflanzen und Tiere entwickeln, sagt Dietl voraus - alles wichtig mit Blick auf seine Pflichten, die Nette und die Nebenläufe naturnäher zu gestalten oder wenigstens naturnahe Trittsteine zu schaffen. Die Menschen wird es auf Spaziergängen und bei Wanderungen demnächst bestimmt auch hierher ziehen. So ein, wenn auch kurzes, Stück eines natürlichen Bachlaufs gibt es in Nettetal heute nur noch selten.

Niersverband und Netteverband haben mit der Kooperation noch ein wenig mehr zueinander gefunden. "Wir werden sicher noch weitere Projekte finden und ausarbeiten, die sich für eine Zusammenarbeit anbieten", verkündete Christian Wagner. Er habe nichts dagegen, erwiderte Prof. Schitthelm. Man darf gespannt bleiben.

(RP)
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