Nettetal: Niederrhein-Himmel auf violettem Karton

Nettetal: Niederrhein-Himmel auf violettem Karton

Im Generationentreff Dörkesstuben zeigt Renate Notz eine Auswahl von Bildern ihres Vaters August Erkens, der 60 Jahre lang mit dem Zeichenstift in halb Europa unterwegs gewesen ist.

Das kleine Mädchen sieht, wie Eltern gerne sagen, "zum Küssen süß" aus: ein aufgeweckter Blick, kastanienbraune Haare, die Zöpfe zu "Affenschaukeln" gebunden, auf dem Kopf ein gelbroter Hut mit einer Blume oben drauf - das alles in Pastellfarben, hübsch verpackt in einem ovalen Rahmen. Das kleine Mädchen ist die erste Tochter des Malers August Erkens. Heute heißt sie Renate Notz und hat längst zwei fast erwachsene Enkelkinder. Ihr Porträtbild hütet sie wie einen Augapfel, auch wenn sie sich daran erinnert, dass "ich gar nicht gerne stillgehalten habe, wenn ich gemalt wurde". Das war beim zweiten Bild, Anfang 1940 entstanden, nicht der Fall, denn die Bleistiftzeichnung zeigt das Baby Renate, ein knappes Jahr alt und zufrieden schlummernd.

Die beiden Bilder hängen mit drei Dutzend anderen an der hohen Stirnwand der Dörkesstuben. Sie erinnern an den 1988 verstorbenen Künstler August Erkens, der die zweiten 40 Jahre seines Lebens auch Kunst- und Antiquitätenhändler war. Daran vor allem erinnert sich eine Besucherin aus Hinsbeck: "Dort habe ich vor 50 Jahren mein erstes kostbares Service gekauft." Ansonsten ist die Erinnerung verblasst, obwohl man Erkens-Werken noch in der Öffentlichkeit begegnen kann. Von ihm stammen die Glasfenster im Sitzungssaal des alten Rathauses (mit Darstellungen der Textil- und der Metallindustrie sowie der Landwirtschaft), ein Halbrundbogen-Glasfenster in der Krankenhauskapelle und ein riesiges Wandbild in der früheren evangelischen Schule am Sassenfelder Kirchweg, in dem er eine alte Darstellung des "Kirchspiels Lobberich" aus dem Jahre 1646 mit Tiermotiven kombiniert.

Bis zur Ziffer 814 reicht ein im Jahre 2000 erstelltes und in dem Buch "Fünf Künstlerporträts vom Niederrhein" veröffentlichtes Werkverzeichnis. Doch sind darin fast nur die Arbeiten enthalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Frühere Bilder sind im Krieg zerstört worden. Zahlreiche niederrheinische Landschaften, Porträts und Stillleben hängen bei Privatsammlern oder im Museum Europäische Kunst (Nörvenich), doch einige hundert hütet noch Renate Notz. Was wird aus ihnen? Sie zuckt mit den Schultern. Sie weiß es nicht, da ihre Tochter nicht in das Geschäft eingestiegen ist und die Enkel "noch nicht soweit sind". Ob sie sich für Kunst und Antiquitäten interessieren, will sie abwarten.

Für die Präsentation in den Dörkesstuben hat Renate Notz sehr unterschiedliche Bilder in verschiedenen Techniken ausgewählt. Da hängt der verstörend blaue "Christuskopf" nahe dem zart in gelbbraunen Tönen gehaltenen "Blick aus dem Fenster" des Hauses Niedieckstraße 25 auf die gegenüberliegende Seite. "Hier hat meine Mutter immer gesessen und gemalt", erzählt Renate Notz und stößt damit die Erinnerung an "Fia Erkens" an, wie Sofia Brögger ihre Bilder im naiven Stil kennzeichnete, mit denen sie öffentlichkeitswirksam eine Zeit lang mehr Resonanz fand als ihr Mann.

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Ein Gegenpol zum Christuskopf ist die niederrheinische Landschaft, die August Erkens auf violettem Karton skizzierte und zeichnete: grauschwarze Wolken am hohen Himmel, darunter eine dunkelgrüne Landschaft mit Bäumen und wenigen Häusern. Die Kartonfarbe schimmert überall etwas durch. Es ist eines der für Erkens charakteristischen Wolkenbilder, die er in immer wieder neuen Facetten geschaffen hat. Er begegnete ihnen täglich, wenn er als Kunsthändler unterwegs war. Dann holte er Papier und Stifte heraus und malte, denn ein Atelier hatte er nicht. Das erklärt die wenigen Interieurbilder. "Für die hat er im Wohnzimmer dann etwas arrangiert", weiß Renate Notz.

Beim Betreten der Dörkesstuben fallen dem Besucher drei plakativ vergrößerte Tuschezeichnungen mit Motiven der Burg Bocholtz, der Kirchstraße und des Brockerhofes ("et Büerke") auf; sie stammen von dem Lobbericher Maler und Fotografen Otto Therstappen. Hier kreuzen sich Wege, denn August Erkens ging bei ihm 1932 in die Lehre, nachdem er an der Ecole de Beaux Arts in Paris studiert hatte. 1933 ging er für zwei Jahre nach Italien.

Dörkesstuben, An St. Sebastian: Ausstellung August Erkens, bis 31. August, montags bis freitags 13 bis 17.30 Uhr.

(mme)
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