Nettetal: Nettetaler gestaltet Fastentuch für Kirche in Westfalen

Nettetal : Nettetaler gestaltet Fastentuch für Kirche in Westfalen

Der Künstler Jürgen Drewer hat sich in einem Wettbewerb durchgesetzt. Während der Fastenzeit verhüllt sein Tuch das Kreuz in der St.-Stephanus-Kirche in Hamm-Heessen.

Ein großes Kreuz dominiert die Apsis der St.-Stephanus-Kirche im westfälischen Hamm-Heessen. Doch ist es derzeit nicht zu sehen. Ein graues Tuch, auf dem im unteren Teil das Wort „Ohne“ steht, ist darüber gehängt. Das Fastentuch ist eine Arbeit des Nettetaler Künstlers Jürgen Drewer.

Es ist Fastenzeit. Traditionell werden spätestens ab dem 5. Fastensonntag, dem Palmsonntag, die Kreuzesdarstellungen, Kreuze und Heiligenfiguren in den katholischen Kirchen verhüllt. Der Brauch entstand zu einer Zeit, in der das Kreuz als ein Zeichen für den Sieg des Lebens über den Tod stand. Ziel der Verhüllung war es, sich in den Tagen vor Ostern auf das Leiden und Sterben Christi zu konzentrieren. Auch als die Kreuze mit der Gestalt des leidenden Christus üblich wurden, blieb die Tradition der Verhüllung mithilfe eines Fastentuches bestehen. Das Fasten- oder Hungertuch bezieht sich auf den jüdischen Tempelvorhang, der der Überlieferung nach an Karfreitag zerriss.

Die Pfarrkirche St. Stephanus in Hamm-Heessen handhabte die Tradition bis zum vergangenen Jahr folgendermaßen: Man verhüllte ein Vortragekreuz, das an Karfreitag in die Kirche getragen wurde, während zugleich das große Kreuz in der Apsis des Kirchenbaus unverhüllt blieb und alle Blicke auf sich zog.

Die Gemeinde spürte Zweifel an dieser Vorgehensweise, begann über eine Veränderung nachzudenken und schrieb einen Wettbewerb aus: Künstler wurden eingeladen, ihre Ideen zu einer Kreuzverhüllung vorzubringen. Diese sollte, wie heute in vielen Kirchen üblich, über die gesamte Fastenzeit, also von Aschermittwoch bis Karfreitag, zu sehen sein. Im Januar dieses Jahres entschied sich die Jury in Hamm für den Entwurf des in Nettetal lebenden Künstlers Drewer.

Die Mitglieder der Pfarrei hatten ausführlich darüber diskutiert, was im Leben ver- und enthüllt wird, was sichtbar sein kann, was unsichtbar. Am Ende der Diskussion stand eine Skizze mit einer Reihe von Begriffen, die für die Menschen in St. Stephanus im Zusammenhang mit einem Fastentuch stehen. Die Skizze basiert auf der Form des Kreuzes. Oben steht der Begriff Gott, unten Mensch. Die Querbalken sind von dem konträren Begriffspaar „sterben und hoffen“ besetzt, wozu auch die Gegensatzpaare verabschieden-begrüßen, hinfallen-aufstehen und einige mehr gehören.

Drewer gestaltete diese Skizze dahingehend um, dass er das Dazwischen zwischen den Gegensatzpaaren, damit also die Stelle des Kreuzes, als eine Leerstelle in den Fokus nimmt. Diese Leerstelle bezeichnet der Künstler – wie das Fastentuch auch – mit dem Wort „Ohne“. Er begründet dies so: „Vor dem Hintergrund des Verhüllens stellt sich die grundsätzliche Frage, welche Bedeutung etwas für den Menschen hat, das nicht oder nicht mehr existiert.“ Das kann sowohl Materielles als auch Immaterielles sein. „Die Vorstellung, ohne gewisse Dinge, Situationen, Erfahrung zu leben, zu sehen, zu hören, zu glauben, zu leben und so weiter schafft für den Menschen eine individuelle gedankliche Komponente.“ Was wichtig für Drewer ist: sich auch über die Passionszeit hinaus mit dem, was fehlt, auseinanderzusetzen.

Die kleineren Filzflächen werden über den horizontalen Kreuzbalken gelegt, Korpus und Kreuz durch ein Filztuch verhüllt. Foto: Wilhelm Lohle

Das 4,90 Meter lange und 2,90 Meter breite Fastentuch, gestaltet von Jürgen Drewer unter Mitarbeit von Lisa Reisinger, besteht aus zwei Millimeter starkem, grauem Mohairfilz und Heftklammern. Das Fastentuch wird nach den Vorstellungen der Gemeinde auch zukünftig jährlich eingesetzt und darüber meditiert werden.

Mehr von RP ONLINE