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Nettetal: Reich geworden mit Lumpen und Zigarren

Serie Straßennamen und ihre Geschichten : Reich geworden mit Lumpen und Zigarren

Den Unternehmerfamilien Poensgen, Zillessen und Montel sind Straßen in Kaldenkirchen gewidmet. Ihre Namen stehen für die Herstellung von Zigarren im 19. Jahrhundert.

Nicht nur der namenlose Zigarrenmacher in Bronze neben der Pfarrkirche St. Lambertus erinnert an den einst bedeutenden Wirtschaftszweig in Kaldenkirchen, seit einem knappen Jahrzehnt sind auch zwei Straßen im Gewerbegebiet Nettetal-West nach Unternehmen aus dem 19. Jahrhundert benannt: die Zillessenallee und die Montelallee.

Doch der Vortritt gebührt der Unternehmerfamilie Poensgen, der im Stadtkern eine Straße gewidmet ist, an der auch die Seitenfront ihres prächtigen Hauses liegt (heute Herrenmoden Schouren). Nach den Initialen im Oberlicht der Haustüre wurde es um 1775 von Johann Hermann Poensgen errichtet, der es sich leisten konnte, auch vor den Toren der Stadt in der Nähe des reformierten Friedhofs einen Pavillon im Rokokostil zu errichten: Ziel für den Sonntagsausflug und heute beliebt als Trauzimmer.

Geld hatte er Jahrzehnte lang mit der Lumpensammlung in weiten Teilen des Jülicher Landes verdient: Das war herzoglich privilegiert, denn Lumpen waren ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Papier. Der Kaufmann Poensgen war 1759 durch Heirat von Düren her nach Kaldenkirchen gekommen.

 Zigarrendreher-Bronzeskulptur von Loni Kreuder.
Zigarrendreher-Bronzeskulptur von Loni Kreuder. Foto: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)
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Sein Sohn Johann Bernhard knüpfte 1805 weitere Fäden in die damalige reformierte Oberschicht der Stadt durch eine Heirat mit der Schwester des Bürgermeisters Carl Wilhelm Schmasen, dessen Amt er von 1818 bis 1825 übernahm. Er und weitere Familienmitglieder hatten Siamosen-Handwebereien, in denen bis zu 250 Arbeiter an 200 Webstühlen bunte und oft karierte Leinwandtücher für Schürzen, Bettbezüge, Tischdecken oder Handtücher herstellten.

Poensgen war damit einer der Pioniere der Textilindustrie, die in Kaldenkirchen aber nie so dominant wurde wie in Lobberich. Er stand 1826 an der Spitze der Steuerliste und wurde zum Gemeinderat bestellt, wie der Historiker Leo Peters in seiner Geschichte der Stadt Kaldenkirchen festgehalten hat. Auf einer Tafel am Poensgenhaus ist festgehalten, dass die Familie „zwischen 1750 und 1850 zu den politisch, wirtschaftlich und kulturell einflussreichsten Familien in Kaldenkirchen“ gehörte.

Dazu ist auch die Familie Zillessen zu rechnen. Johann Meinhard Zillessen wird als Tabakfabrikant 1823 aktenkundig, als er einen Teil des alten Klosters pachtete, um darin eine „Fabrik von Tabak und Cichorien nebst Handel mit Spezerei und Materialwaren“ zu etablieren (aus Cichorien wurde eine Art Kaffee-Ersatz hergestellt). Doch stieg die Nachfolgefirma Gebr. Zillessen ein Jahr nach einem Großfeuer 1877 wieder aus der Tabakbranche aus, weil starke Konkurrenz aus Duisburg gekommen war. Von dort stammte auch ihr Meister Karl Kaftan, der Anfang der 1870er Jahre den Zigarrenfabrikanten Hermann Montel nach Kaldenkirchen holte; dieser brachte gleich seinen Schwager Heinrich Holtvoeth mit, der ebenfalls eine Firma gründete. Als sich dann nach Zillessens Aufgabe auch Karl Kaftan selbstständig machte, „bildeten dann die drei Duisburger Fabriken den Hauptstock für die Entwicklung der Kaldenkirchener Zigarrenindustrie“, hielt in den 1920er Jahren Walter Montel fest.

Die Kaufleute engagierten sich in der Stadt. Johann Meinard Zillessen, der aus Krefeld stammte, war zwischen 1832 und 1857 insgesamt 17 Jahre lang I. Beigeordneter und später noch Gemeindeverordneter. Er kümmerte sich besonders um den Ausbau von Straßen und Wegen. Otto Zillessen war von 1881 bis 1893 als I. Beigeordneter tätig und fungierte ab 1896 als Aufsichtsrat des neu gegründeten Bauvereins. Der Weinhändler Cornelius Zillessen gehörte ab 1826 dem Gemeinderat an. Der Zigarrenfabrikant Heinrich Montel saß ebenfalls im Aufsichtsrat der Baugesellschaft und war von1909 bis 1915 II. Beigeordneter der Stadt. Der Diplomkaufmann Walter Montel gehörte der Vollversammlug der IHK Mönchengladbach an. Hermann Montels Lebensweg hat sein Enkel Ernst Brandt Anfang der 1930er Jahre beschrieben: „Der Lebensbogen – ein Roman aus der Westmark“ heißt das mit viel Pathos geschriebene Werk, das der Bürgerverein 2008 in einem Nachdruck herausbrachte.