Nettetal: Neue Broschüre macht auf Kinderarmut aufmerksam

Neue Broschüre für Nettetal : Für Kinderarmut sensibilisieren

In Nettetal gibt es weniger Kinder am materiellen Existenzminimum als im Bundesdurchschnitt. Ihnen soll geholfen werden. Dabei spielt eine neue Broschüre eine Rolle, die sich an Multiplikatoren und Betroffene wendet.

Gerne hätte Leo in der E-Jugend-Mannschaft mitgespielt, in der einige seiner Klassenkameraden kickten. Doch Leo, der in Wirklichkeit anders heißt, blieb immer nur am Spielfeldrand stehen. Das fiel dem Mannschaftsbetreuer auf, und er fragte nach dem Warum. „Ich habe keine Fußballschuhe“, hörte er, weil die Eltern sie nicht bezahlen können. Der Betreuer löste das Problem, heute spielt auch Leo mit. Für Jochen Müntinga, Leiter des Nettetaler Jugendamtes,  ist diese Geschichte, die ihm bei einer Sporttagung in der Werner-Jaeger-Halle erzählt wurde, ein Musterbeispiel für verschämte Armut, die so oft übersehen werde. Deshalb ist der Leiter des Geschäftsbereichs Familie, Bildung und Soziales froh, dass es nun die Broschüre „Nettetal für Kinderchancen“ gibt, die „Menschen in haupt- und ehrenamtlicher Funktion“ für Armut sensibilisieren soll.

Nach der jüngsten Statistik vom 15. Januar gibt es in Nettetal 783 Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV), die dauerhaft am materiellen Existenzminimum leben. Mit 14,2 Prozent liegt Nettetal deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 20 Prozent.

Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert, denn Kinder von Asylbewerbern werden (zunächst) nicht in dieser Statistik geführt. Obwohl die Stadt keine massiven sozialen Probleme habe, „haben wir einen festen Sockel“, erläutert Müntinga. Man habe einen guten Überblick über die soziale Situation, denn die Familie jedes Neugeborenen werde von Mitarbeitern des Familienbüros besucht.

Dieses Familienbüro wurde aufgebaut, als Nettetal im Jahr 2012 das Jugendamt vom Kreis Viersen übernahm. Wie Bürgermeister Christian Wagner (CDU) betonte, nehme die Stadt Kinder sowie ihre Ansprüche und Anforderungen sehr ernst. Sie versuche deshalb, dass auch Nachwuchs mit existenziellen Sorgen „bestmögliche Chancen und Entwicklungen habe“, wobei die Erziehungsverantwortung der Eltern einbezogen werde. Über den „Nettetaler Chancenfonds“, der durch Spenden gefüllt werden soll, versuche man über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus finanziell zu helfen.

Die Broschüre haben Heiko Brodermann und Alina Stewen zusammengestellt nach mehreren großen Gesprächsrunden, die der Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit seinem Förderprogramm „Teilhabe ermöglichen – Kommunale Netzwerke gegen Kinderarmut“ unterstützte.

Leser werden zunächst sensibilisiert für das „Nettetaler Grundverständnis“ von Armut: „Arme Kinder sind nicht nur Kinder, die arm sind, sondern auch Kinder, die arm dran sind.“ Dafür gelte es, ein Gespür und Verständnis zu entwickeln, das dann das Handeln in der Praxis bestimmen soll: „Stärken und Fähigkeiten fördern und Belastungen abbauen.“ Dann könne durch gute Gespräche Positives bewirkt werden.

Die Broschüre wird an Schulen, Kindergärten, Jugendheime, Sport- und andere Vereine als Handreichung zum Erkennen von Kinderarmut versandt. Nach den guten Ratschlägen zu Beginn folgen neun Seiten mit Adressen für Beratung, Information, Sachmittel- und finanzielle Hilfen, Gesundheit, Familien und Freizeitangebote, damit Hilfe eingeleitet werden kann.

Und dass Hilfe dabei auch von vielen Ehrenamtlichen geleistet wird, hebt Brodermann hervor, der ein „enges Netzwerk“ entdeckt hat: „Das ist ein Kapital, das man in anderen Kommunen nicht so findet.“ Von diesem Netzwerk wurde auch ein Junge aufgefangen, der bei der Jugendfeuerwehr mitmachte, aber dessen Eltern die Freizeiten nicht bezahlen konnten. Wie bei den Fußballschuhen wurde das Problem intern schnell gelöst.