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Nettetal-Lobberich: Theologen und Politiker am Wasserturm

Nettetal: Straßennamen und ihre Geschichten : Theologen und Politiker am Wasserturm

Die Straßen im Baugebiet „Lobberich-Ost“ erhielten zumeist Namen von örtlichen Theologen und Politikern. Dazu gehören Paul-Wilhelm Schmidt oder Johannes Hessen.

Theologie und Politik kommen gut miteinander aus – das wird zumindest an den Straßennamen sichtbar, die nordöstlich des Wasserturms ein Viertel von Lobberich prägen. Die Hauptzufahrt vom Kreisel an der Kempener Straße aus ist dem evangelischen Pfarrer Paul-Wilhelm Schmidt gewidmet, davon zweigen die „katholischen Straßen“ mit den Namen von Dechant Werth und Professor Johannes Hessen ab, ebenso die der Politiker Hein Nicus, Leo Bontenackels und Hans-Willi Güßgen.

Nordwestlich der Kempener Straße stößt man dann auf dem ehemaligen Niedieck-Gelände auf die (Pfarrer) Johannes-Torka-Straße und die (Bürgermeister) Karl-Reulen-Straße.

Konzentrieren wir uns auf die Theologen, von denen allerdings nur einer aus Lobberich stammt: Johannes Hessen. Der Bauernsohn, 1889 in Dyck geboren, der den später berühmten Altphilologen Werner Jaeger noch von der Rektoratsschule her kannte, wurde in den 1920er Jahren zu einem umstrittenen Religionsphilosophen, der mit seiner römisch-katholischen Kirche manchmal über Kreuz lag, so dass Bischöfe versuchten, seine Schriften zu verbieten. Auch die Nationalsozialisten erteilten ihm Lehr- und Redeverbot; deshalb zog er sich zurück und schrieb sein dreibändiges „Lehrbuch der Philosophie“.

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Für Hessen öffneten sich die Kölner Universitätstüren erst wieder 1954, nachdem sich der damalige CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Theologe Romano Guardini und der Philosoph Karl Jaspers für ihn eingesetzt hatten. Es mag eine späte Genugtuung für Hessen gewesen sein, dass er zu seinem 80. Geburtstag von Papst Paul VI. zum Päpstlichen Ehrenprälaten ernannt wurde und zu einer akademischen Feier des 80. Geburtstages in Köln auch der eben emeritierte Kardinal Josef Frings erschien.

Hessen hielt Verbindung mit Lobberich durch regelmäßige Besuche auf dem Hof in Dyck und feierte in St. Sebastian 1964 sein Goldenes Priesterjubiläum. Seine letzte Ruhestätte fand er 1971 auf dem Friedhof der Gemeinde Aegidienberg im Siebengebrige, in der er auch Schutz vor den Nazis gesucht hatte.

Die Nationalsozialisten griffen auch in das Wirken von Peter Werth ein, denn 1939 musste er seine Tätigkeit als Religionslehrer an weiterführenden Schulen im Raum Aachen beenden. Der gebürtige Kölner vom Jahrgang 1900 kam als Kaplan 1929 ins Bistum Aachen, als dieses neu gebildet wurde. Während des Zweiten Weltkriegs kümmerte er sich als Seelsorger um evakuierte Rheinländer im Raum Braunschweig, im Herbst 1948 kam er als Pfarrer nach Lobberich und blieb es bis 1973 – weit über die normale Ruhestandszeit hinaus. Er war nicht nur Pfarrer, sondern auch Dechant des Dekanates Lobberich und später des Kreises, erhielt die Auszeichung „Geistlicher Rat ad honorem“ und wurde ins Aachener Domkapitel gewählt (nicht residierend, 1968 bis 1980).

In Werths Zeit fiel das Zweite Vatikanische Konzil mit zahlreichen Umwälzungen, die er ebenso förderte wie die ungewöhnlichen „Jugendmessen“ in der Alten Kirche, die von dem Theologiestudenten Klaus Dors wiederentdeckt worden war. Als Werth kurz vor der Vollendung seines 91. Lebensjahres starb, verloren die Lobbericher einen allseits verehrten gütigen Vater. Die Trauer war auch bei den evangelischen Christen groß, hatte er doch immer den Dialog mit ihnen gesucht und ihnen auch das katholische Gotteshaus für ihre Feiern zur Verfügung gestellt. Dem evangelischen Pfarrer Paul-Wilhelm Schmidt, mit dem er über 20 Jahre zusammen gearbeitet hatte, rief er an dessen Grab nach, auch er habe einen Freund verloren.

Gut 25 Jahre lang hat Paul-Wilhelm („Pa-Wi“) Schmidt in Lobberich gewirkt, ehe ein Herzinfarkt am frühen Osterdienstag 1972 seinem Leben plötzlich ein Ende setzte. Es waren Jahre voller Arbeit, die er mit großer Hingabe für die ihm anvertrauten Menschen leistete.

1912 am unteren Niederrhein geboren, kam Schmidt nach dem Theologiestudium im April 1939 erstmals als Hilfsprediger nach Lobberich, um die verwaiste Pfarrstelle zu verwalten, doch musste er schon bald mit der Marine in den Krieg ziehen, aus dem er erst Mitte 1945 heimkehrte.

Ab Oktober 1946 hatte er dann die wieder errichtete Pfarrerstelle in Lobberich inne, die gleichzeitig für Hinsbeck und Breyell (bis 1963) zuständig war. Die Gemeinde war durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen außerordentlich gewachsen. So wurde der Pastor auch zum Bauherrn: 1955 entstand eine neue Kirche in Lobberich, 1969 auch eine in Hinsbeck. Damit wurde sichtbar, dass evangelische Christen nun auch am Niederrhein zu Hause waren.

Doch legte Pfarrer Paul-Wilhelm Schmidt größten Wert auf ein gutes Einvernehmen mit den katholischen Christen. Als die Pfarre St. Peter Hinsbeck 1968 das 100-jährige Bestehen der Pfarrkirche feierte, schenkte die evangelische Gemeinde einen Messkelch. Ein Jahr später revanchierten sich die Katholiken mit der Spende eines Altartisches für die neue Kirche.

Schmidt war rastlos im Einsatz und negierte auch die Warnzeichen seines Körpers ein Jahr zuvor: Er hatte jederzeit ein offenes Oft für die menschlichen Nöte seiner Gemeindemitglieder.

Als Johannes Torka 1973 die Nachfolge von Peter Werth als Pfarrer von St. Sebastian antrat, hatte er schon mehrere Jahre Nettetal hinter sich. Der gebürtige Niederschlesier, 1932 in Frankenstein geboren und 1980 in Aachen zum Priester geweiht, war ab 1966 Kaplan in Hinsbeck gewesen, seit 1969 auch Pfarrvikar und seit 1970 auch Vorsitzender des Pastoralverbandes Nettetal/Grefrath. Anschließend häuften sich die Ämter: Dechant bis 1983, Regionalpfarrer Kempen-Viersen von 1979 bis 1985, zusätzlich Pfarrer in Leuth von 1981 bis 1995.

Auch im Ruhestand ab 2000 half er von seinem neuen Wohnsitz Leutherheide aus in den Pfarren Nettetals aus. Nach schwerer Krankheit starb er im Januar 2007. In seine Amtszeit fallen Renovierungen der Pfarrkirche St. Sebastian und der Alten Kirche, für die er eine Stiftung gründete, und der Bau des Jugendheims „Arche“ sowie des Pfarrheims „Die Brücke“.

Seine zweite Stiftung galt der Sozialarbeit in Lobberich. War Torkas ursprünglicher Wunsch, als Missionar in die weite Welt zu gehen, nicht in Erfüllung gegangen, so engagierte er sich von Lobberich aus für Kolumbien, Bosnien, Kroatien und für verschiedene Länder in Afrika.

Im Nachruf des Bischofs hieß es, Johannes Torka sei „anerkannt und geschätzt“ gewesen. Er lobte sein persönliches Engagement „und das Gute, das nicht öffentlich wurde“. Große Trauer herrschte auch im Marienheim Hinsbeck, das er in seinem Ruhestand dreimal in der Woche aufsuchte, um den Menschen Hoffnung zu machen für ein Weiterleben im Jenseits. „Diese Hoffnung war auch tief in ihm geprägt“, sagte bei der Totenmesse Pfarrer Ulrich Clancett. Der Geistliche, der in Lobberich aufwuchs und heute in Jüchen wirkt, wird in der TV-Christmette aus der Alten Kirche predigen.