Nettetal: Jalal Swed kam als Flüchtling und ist heute bei der Feuerwehr

Nettetal : Syrischer Flüchtling bei der Feuerwehr

Der 29-jährige Syrer Jalal Swed ist ein Bootsflüchtling, der 2015 über die Balkanroute nach Deutschland kam. Heute ist er bestens integriert. Bei BMW Timmermanns macht er eine Lehre zum Kfz-Mechatroniker – und engagiert sich.

An die Überfahrt mit einem Boot von der türkischen Küste auf eine griechische Insel erinnert er sich nicht gerne, vor allem an die Todesangst, die alle hatten. 37 Leute saßen dicht an dicht auf dem Schlauchboot, Jalal Swed war damals 25 Jahre alt. Er besaß bei der Überfahrt keine Schwimmweste. Es war Ende September, die ganze Nacht über auf dem Wasser war es stockdunkel. Er hat es überlebt.

Es war sehr hart, mehr lässt er sich nicht entlocken. Dabei war es nur der Anfang. Nach der Anlandung sei er sechs bis zehn Stunden gelaufen, dann mit einem großen Schiff nach Athen gelangt. Er schloss sich einer Flüchtlingsgruppe an, die nach Norwegen wollte. Von Griechenland ging es über die Balkanroute weiter, von Makedonien über Serbien, Ungarn und Kroatien nach Österreich, und von dort weiter nach München. Die über 2000 Kilometer legte Swed mit dem Zug, dem Auto oder zu Fuß zurück. 2015 waren die Grenzen noch auf. Die letzte Etappe nach München war eine gemeinsame Fahrt mit einem Taxi.

Jalal Swed stammt aus Damaskus, der syrischen Hauptstadt. Dort wurde er im Mai 1990 geboren, dort wuchs er auf und ging zur Schule. In seiner Heimat hat er viel über Deutschland gelesen. Irgendwie gefiel ihm Düsseldorf besonders. Dorthin wollte er kommen. Das ist ihm auch gelungen, dort ging er zur Polizei und meldete sich als Flüchtling. Doch die Behörden schickten ihn weiter, zuerst nach Dortmund, dann nach zwei Monaten nach Düren. Schließlich kam er im November 2015 mit einem Transport nach Nettetal, wo er auf dem Gelände des SC Union Nettetal unterkam.

Zu acht Flüchtlingen waren sie in einem Häuschen untergebracht. Zu voll und nie ruhig. Jalal ging lieber spazieren und erkundete allein die Gegend. Er nahm an einem Sprachkurs teil und dort erhielt er den Tipp, er könne auch in die Stadtbücherei in Breyell gehen. Dort sei es ruhig und warm, außerdem gebe es jede Menge Bücher.

Und wirklich wurde die Stadtbücherei so etwas wie seine zweite Heimat. In Büchern und Heften lernte er neue Wörter kennen. Mit dem Handy übersetzte er sie ins Arabische oder Englische. Nach der Schule in Lobberich ging es mit dem Fahrrad oder zu Fuß nach Breyell in die Stadtbücherei. Warum? Weil es dort ruhig sei. Und schön und warm und gemütlich. Schnell wurden die Mitarbeiter der Stadtbücherei auf ihren neuen Besucher aufmerksam. Leiter Ulrich Schmitter und sein Team sprachen ihn an, ermutigten ihn und halfen weiter mit Tipps und Ratschlägen. Umgekehrt packte er auch mit an. Bei Lesungen oder Veranstaltungen in der Stadtbücherei servierte er Getränke oder half anderweitig aus.

Ein Platz in der Stadtbücherei wurde für Jalal Swed zum Sprungbrett zu seinem neuen Leben. Mit Büchern verbesserte er sein Deutsch. Foto: Birgitt Mager

Der junge Flüchtling aus Syrien lernte schnell Deutsch und kommt mit den Menschen schnell ins Gespräch. Er ist ständig unterwegs und hat keine Scheu, Menschen anzusprechen und zu fragen. Büchereileiter Schmitter staunt nicht schlecht. Jalal sei komplett vernetzt. Der junge Syrer kenne inzwischen mehr Leute vor Ort als er selber.

Vor seiner Flucht lebte Jalal zwei Jahre in Jordanien. Er arbeitete dort als Chocolatier, der Schokoladen oder Torten mit Namen verzierte. Das sei in arabischen Ländern sehr beliebt. In Deutschland absolviert er gerade eine Lehre. Bei BMW Timmermanns in Nettetal macht er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Warum gerade Mechatroniker? Nun, der Syrer habe nach einem Handwerksberuf gesucht. Und außerdem sei Deutschland ein Autoland. Von sich aus ist er nach Schaag zu BMW gegangen, um nach einem Praktikum zu fragen. Zweimal hat er in der Werkstatt ein Praktikum gemacht, bis es mit der Ausbildung geklappt hat. Im August 2018 fing er an. Inzwischen hat Swed auch den Führerschein gemacht und fährt ein kleines Auto, wenn er zur überbetrieblichen Ausbildung nach Krefeld muss. Am liebsten fährt er aber mit dem Fahrrad.

Spontan war auch die Entscheidung, bei der Feuerwehr mitzumachen. Er wohnt in Schaag und seit dem Sommer 2017 ist er Kamerad im Löschzug Schaag. Einen ersten Lehrgang hat er bereits absolviert, im Januar folgt der nächste. Stolz zeigt er beim Gespräch den Pieper, den er immer bei sich trägt. „Er ist eine echte Bereicherung für unseren Löschzug. Stets engagiert und zuverlässig“, sagt Löschzugführer Willi Lehnen. Jalal fühlt sich dort gut aufgehoben. Die Kameraden helfen ihm sehr.

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